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Junge Russen gegen Putin

Junge Russen gegen Putin

Am Sonntag wird Russlands neuer Präsident gewählt: In Barnaul, einer Großstadt in Sibirien, haben sich Menschen zu der Bürgergruppe "Barnaul für ehrliche Wahlen" zusammengetan. Sie müssen das Protestieren erst lernen. Dafür bekommen sie den Druck des Systems voll zu spüren.

Barnaul Die Flugblätter sind gedruckt, der heiße Tee ist organisiert, die Pfannkuchen bestellt. Was Lusja, Aleksej, Olga und Karolina für ihre Aktion jetzt noch fehlt, ist ein Tapeziertisch. Dieses für jede deutsche Protestbewegung unverzichtbare Möbelstück ist in Russland unbekannt. "Tapeziertisch? Wir legen die Tapeten zum Kleistern einfach auf den Fußboden", sagt Olga. Deshalb hat man nun keinen passenden Tisch für den Infostand. Am Ende steuert jemand einen Campingtisch für die Demo bei. Der ist zwar zu klein, um Flugblätter, Tee und Pfannkuchen darauf unterzubringen. Aber irgendwie wird es schon gehen.

Die Bürgerbewegung "Barnaul für ehrliche Wahlen" ist noch dabei, das Protestieren zu lernen. Als bei der Duma-Wahl am 4. Dezember das Ergebnis zugunsten von Putins Partei Geeintes Russland gefälscht wurde, gingen in Barnaul spontan 7000 Menschen auf die Straße. Seitdem gärt es in der sibirischen Provinzstadt. Ganz Russland schmunzelte über die "Nano-Demonstration" von Barnaul: Die Aktivisten stellten Spielzeug-Figuren mit kleinen Protestplakaten in der Innenstadt auf. Bierernst prüfte die Staatsanwaltschaft, wer für den Aufmarsch der Lego-Männchen zur Rechenschaft zu ziehen sei.

Jetzt hocken zwei Dutzend meist junger Leute in einem kleinen Raum und planen ihre nächste Aktion. Die Adresse des Hinterhof-Büros kennen nur Eingeweihte – ein oppositioneller Geschäftsmann hat es der Gruppe zur Verfügung gestellt. Olga Fotijewa kniet auf dem Fußboden und malt große Buchstaben auf Kartoffelsäcke. Auch die kommende Demo soll wieder Happening-Charakter haben. "Wir wollen das Rennen um die Präsidentschaft als Sackhüpfen inszenieren", erklärt sie, "nur der Sack für Putin hat keinen Boden – so kommt er garantiert als erster ins Ziel".

Die Soziologie-Doktorandin mit den langen dunklen Haaren engagiert sich schon länger in der Politik. Sie ist Mitglied der liberalen Jabloko-Partei. "Bei den Duma-Wahlen habe ich direkt in unserem Parteistab mitgekriegt, wie überall gefälscht wurde", erzählt Olga, "das brachte mich richtig in Rage."

Der Preis, den sie für ihr Engagement zahlt, ist hoch. An der Universität hat man ihr bereits mit Exmatrikulation gedroht. Das wäre das Ende für ihre Doktorarbeit. Weitermachen will sie trotzdem: "Putin ist mir einfach über."

Aleksej Kirillow (23) ist ein sanfter Typ mit braunen Augen und Pferdeschwanz-Frisur. "Ich war völlig apolitisch", sagt der IT-Techniker von sich selbst. Doch dann kam die Sache mit der Hausgeburt. "Weil meine Frau und ich unser Baby zu Hause auf die Welt bringen wollten, hetzte ein Arzt uns die Sozialfürsorge auf den Hals. Sie wollten uns das Kind sogar wegnehmen!", erzählt er empört.

Das autoritäre Vorgehen und die Willkür der russischen Behörden machten ihn wütend, die Wahlfälschungen dann noch mehr. "Ich möchte in einem Staat leben, in dem Gesetze sinnvoll sind und eingehalten werden." Als Aleksejs Chef von seinen Aktivitäten erfuhr, kürzte er ihm das Gehalt so drastisch, dass der junge Vater kündigte.

"Der Druck von oben hier in Barnaul ist ganz enorm", sagt Sergej Andrejew. Der bärtige Historiker (46) ist Mitglied der unabhängigen russischen Wahlbeobachter-Organisation "Golos" und so etwas wie ein Veteran des Widerstands in Barnaul. Seit zwölf Jahren engagiert er sich in einer eigenen Stiftung für Bürgerrechte.

Vor der Duma-Wahl hatten sich bei ihm 60 junge Leute gemeldet, die sich als Wahlbeobachter schulen lassen wollten. "Etwa 30 gaben auf, nachdem ihnen der Dekan der Universität mit Exmatrikulation oder einem Ausreiseverbot ins Ausland gedroht hatte." So entsteht ein Klima der Angst. Kurz vor der Präsidentenwahl verbreiteten staatliche Medien die Nachricht von einem angeblich vereitelten Attentat auf Putin. Das könnte schon bald als Vorwand für verstärkte Repressalien dienen, befürchtet Andrejew: "Man wird versuchen, die Oppositionsbewegung zu diskreditieren, Demonstrationen zu verbieten und den Aktivisten irgendetwas anzuhängen."

Am Tag der Demonstration scheint die Sonne in Barnaul, die Temperatur beträgt minus 20 Grad. Die Organisatoren tragen Pelzmützen und dicke Mäntel, ihr Atem dampft in der Kälte. Über den Sacharow-Platz im Zentrum dröhnt das Lied "Unser Irrenhaus wählt Putin, unser Irrenhaus freut sich schon auf ihn". Die Kundgebung ist offiziell genehmigt. Aber Streifenpolizisten haben den Raum für die Demo mit Gittern abgesperrt. Jetzt versuchen sie, Interessierte an den beiden Zugängen abzuwimmeln: "Gehen Sie weiter, das hier ist eine geschlossene Veranstaltung."

Am Ende trauen sich etwa 200 Menschen auf den Platz. Beim letzten Mal waren es noch 700. "Die Einschüchterungsarbeit der Behörden funktioniert immer besser", sagt Olga Fotijewa. Und fügt selbstkritisch hinzu: "Vielleicht hätten wir aber auch mehr Reklame für unsere Aktion machen müssen."

Trotzdem: Das absurde Sackhüpfen um die Präsidentschaft wird ein Lacherfolg. Und die Polizei schreitet auch nicht ein, als "zum Austreiben des politischen Winters" eine Art Vogelscheuche verbrannt wird, deren Gesicht große Ähnlichkeit mit Wladimir Putin hat.

(RP)