Judenhass mitten in Europa: Analyse

Analyse: Judenhass mitten in Europa

Die Demonstrationen gegen den israelischen Einsatz in Gaza arten vor allem in Deutschland und Frankreich in Antisemitismus der übelsten Sorte aus. In Paris werden Synagogen verwüstet, in Berlin Menschen mit Kippa verfolgt.

Unterstützung für Israel ist nicht mehr breiter Konsens.

Unter Europas Juden macht sich Angst breit, seit im Zuge des jüngsten Nahostkonfliktes Pro-Palästina-Demonstrationen in Anti-Israel-Attacken umgeschlagen sind und sich - begleitet von wüstesten Parolen in den sozialen Netzwerken und an die Adresse des Zentralrats der Juden - plumper Antisemitismus Bahn bricht. In Paris wurden Synagogen angegriffen und jüdische Geschäfte verwüstet, in Berlin ein Paar von "Demonstranten" verfolgt und bedroht, weil der Mann eine Kippa, eine jüdische Kopfbedeckung, trug.

In mehreren deutschen Städten wie Berlin, Essen, Hannover und Göttingen gingen Palästina-Sympathisanten gewaltsam gegen Israel-freundliche Demonstranten vor. Die Bundesregierung verurteilte die Eskalation. "Nichts, einschließlich der dramatischen militärischen Konfrontation in Gaza, rechtfertigt ein solches Handeln bei uns in Europa", sagte Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier.

"Sie verfolgen Juden in den Straßen Berlins, als ob wir uns im Jahr 1938 befinden", erklärte Israels Botschafter in Deutschland, Yakov Hadas-Handelsman. Damals waren im nationalsozialistischen Deutschland Hunderte Juden ermordet, jüdische Geschäfte zerstört und Synagogen angezündet worden. Hadas-Handelsman: "Wenn es so weitergeht, fürchte ich, dass es nur eine Frage der Zeit ist, wann unschuldiges Blut vergossen werden wird."

Das liefert das Stichwort für den aktuellen Anlass: Die Bombardierungen und Bodenoffensiven der israelischen Streitkräfte gegen die Bevölkerung des Gaza-Streifens mit bislang rund 600 Toten emotionalisieren über Bilder von grausamen Schicksalen die Wahrnehmung des Nahost-Konfliktes. Die weit über 1500 Raketen, die die radikale Hamas aus dem Gaza-Streifen auf israelische Dörfer und Städte abfeuerte, werden dagegen als Nadelstiche in einem Kampf David gegen Goliath empfunden.

Auf der Strecke bleibt die Frage, warum die Hamas das Wohlergehen der Palästinenser dem Kampf gegen Israel unterordnet, warum sie bewusst aus Wohnvierteln heraus Raketen abfeuert und israelische Reaktionen als willkommene Propagandamunition ausschlachtet.

Die offizielle Politik der Bundesrepublik wird nicht müde, die besonderen Verpflichtungen Deutschlands gegenüber Israel zu betonen und das Existenzrecht Israels als "Staatsräson" zu bezeichnen. Noch in den 50er Jahren traf dies auf eine Welle der Sympathie unter den Deutschen. Doch die Unterstützung für Israel ist auf eine Minderheit geschrumpft. Langfristige Entwicklungen stecken dahinter: Rational macht die Siedlungspolitik Israels auch seinen Freunden eine rückhaltlose Unterstützung schwer. Und die Gefühle werden vor allem von den Opferbildern aus den Palästinensergebieten geprägt.

"Wir haben es hier mit einer Migration des Nahostkonfliktes in die europäischen Länder zu tun", erläutert Volker Perthes, Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik, im Gespräch mit unserer Zeitung. Das sei immer wieder einerseits von arabischen, andererseits von jüdischen Organisationen betrieben worden und nehme immer dann zu, wenn der Konflikt im Nahen Osten mit Gewalt ausgetragen werde und beide Seiten von einer existenziellen Auseinandersetzung sprächen.

Dass aber das Abdriften in den Antisemitismus nun ungeahnte Ausmaße angenommen hat, erklärt Perthes mit einer weiteren Übertragung: der "zusätzlichen Migration der Religion in den Nahostkonflikt". So wie sich die Konflikte im gesamten Nahen Osten immer mehr entlang der Frontstellung zwischen Sunniten und Schiiten definierten, komme auch der Gegensatz zwischen Muslimen und Juden schärfer zum Tragen. Dieser treffe auf einen latenten Antisemitismus, dem auch in Deutschland zwischen fünf und zehn Prozent zuneigten.

(may-)
Mehr von RP ONLINE