1. Politik

Joachim Gauck über die Stasi-Aufarbeitung

30 Jahre Stasi-Unterlagengesetz : Das dunkle Archiv

Vor 30 Jahren beschloss der Bundestag das Stasi-Unterlagengesetz und öffnete damit ein dunkles Kapitel zur Aufarbeitung deutsch-deutscher Geschichte. Eine Rückblick mit Joachim Gauck und Ex-Bürgerrechtler Werner Schulz in der ehemaligen Stasi-Zentrale

Es ist dunkel, es ist diesig. Und historisch unheimlich. Werner Schulz war fast 32 Jahre nicht mehr in diesem Haus, in diesem Bau, in dieser Einrichtung, die heute eine andere ist als damals. Heute erinnert sie als Museum und „Campus für Demokratie“ an den Schrecken von einst. Als am 15. Januar 1990 eine aufgebrachte Menschenmenge die Stasi-Zentrale in der Normannenstraße in Berlin-Lichtenberg stürmte, war auch Schulz beim Marsch in die Herzkammer der DDR-Geheimpolizei dabei. Schulz, ehemaliger Bürgerrechtler und über 15 Jahre Bundestagsabgeordneter von Bündnis 90/Die Grünen, sollte als Mitglied des damaligen Runden Tisches mäßigend auf die Menschen einwirken, die ihrer Wut und ihrer Empörung über den DDR-Überwachungsapparat freien Lauf ließen. Jetzt ist Schulz wieder an jenem Ort, von wo aus die Stasi konspirative Maßnahmen auch gegen den „Friedenkreis Pankow“, in dem sich der frühere Bürgerrechtler engagierte, steuerte. Unter dem Operativen Vorgang „Virus“ unterwanderte die Stasi die Friedensaktivisten mit Inoffiziellen Mitarbeitern, wie Schulz später nach Lektüre seiner Stasi-Unterlagen herausfand. Schon merkwürdig, sagt Schulz, „damals ein Virus und heute wieder“.

Schulz, inzwischen 71 Jahre alt, geht über jenen Appellhof, auf dem einst Stasi-Chef Erich Mielke sein Wachregiment zur Begrüßung von Staats- und Parteiratschef Erich Honecker aufmarschieren ließ. Gleich wird Joachim Gauck, der erste Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, mit Zeitzeugen seinen Blick auf jene sehr bewegte Zeit Revue passieren lassen. Denn: Vor 30 Jahren, im November 1991, beschloss der Bundestag in Bonn das Stasi-Unterlagengesetz, mit dem Bürgerinnen und Bürger wie auch Medien und Wissenschaft Einblicke in die Umtriebe der Riesenkrake Stasi bekommen sollten. Schulz war damals einer von acht ostdeutschen Abgeordneten von Bündnis 90 – die West-Grünen hatten die Fünf-Prozent-Hürde verfehlt -- im gesamtdeutschen Plenum. Bündnis 90 stimmte damals gegen den Entwurf des Stasi-Unterlagengesetzes, wie Schulz erinnert. Es sei ihnen „nicht scharf genug“ gewesen. Sie hätten die Unterlagen damals am liebsten offen, ohne geschwärzte Stellen gehabt.

Doch bevor Gauck zurückblickt, nutzt Schulz noch die Gelegenheit „Haus 7“, Sitz der ehemaligen Hauptabteilung XX, zuständig für politische Repressionen gegen Andersdenkende, zu inspizieren. Im sogenannten „Kupferkessel“, einem von sieben Magazinräumen, wo die Stasi ein riesiges Rechenzentrum plante, blickt Schulz auf Säcke mit geschredderten Mikrofiches und Unterlagen, auf die die Stasi Wasser laufen ließ und sie so zu einem Papierbrei vermischte. Für die Nachwelt (fast) nicht mehr zu gebrauchen. Insgesamt lagern unglaubliche 111 Kilometer Stasi-Akten in der ehemaligen Behörde und ihren Außenstellen für die Stasi-Unterlagen, die im Sommer dieses Jahres organisatorisch dem Bundesarchiv zugeschlagen wurde. 

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Aber dann geht es rüber ins „Haus 22“, dem ehemaligen Offizierskasino der Stasi, wo der Mann sitzt, der der Stasi-Unterlagenbehörde seinerzeit seinen Stempel, mindestens jedoch seinen Namen aufdrückte: Gauck-Behörde. Dass Gauck, der seine Ernennungsurkunde einst im Stehen auf dem Flur überreicht bekam, es später im Leben als Bundespräsident ins höchste Staatsamt schaffen würde, war ihm 1990 selbstredend nicht vorgezeichnet. Natürlich wollte er Aufarbeitung, kein Vernichten oder Wegsperren der Stasi-Akten. „Ein Schlussstrich ist gut für die, die oben waren, und schlecht für die, die unten waren“, sagt der 81 Jahre alte Gauck heute.

Die Schriftstellerin Susanne Schädlich lebte seinerzeit in den Wendejahren in Los Angeles. Jetzt sitzt sie neben Gauck auf dem Podium. Auf ihren Vater Hans Joachim Schädlich, gleichfalls Schriftsteller, hatte die Stasi einen Inoffiziellen Mitarbeiter angesetzt, IM „Schäfer“. Schädlich konnte sich 1992 als einer der ersten durch seine Stasi-Akte lesen. Die Wahrheit war brutal. IM „Schäfer“ war sein eigener Bruder, „Onkel Karl-Heinz“, wie Susanne Schädlich sagt. Sie hat es in einem ihrer Bücher so formuliert: „So war er der Wolf, der sich Schäfer nannte und sich als Hirte tarnte.“ Gauck hat viel erfahren über die DDR – nach dem Untergang der DDR als Stasi-Unterlagenbeauftragter. Eine Erkenntnis: „Das wirklich Bedrückende ist, wie lange ein System aufrechterhalten werden kann, ohne dass eine Mehrheit davon überzeugt ist.“ Gauck betont noch, „natürlich hätte man, wenn man mutiger gewesen wäre, früher reingehen können“. Er meint rein in jene Stasi-Zentrale, in dessen früherem Offizierskasino er, der frühere Pfarrer aus Rostock, gerade sitzt. Aber die DDR sei ein Staat von Unterdrückten gewesen. Sagt Gauck in völliger Freiheit – auf dem Boden der einstigen Geheimpolizei.