Jerusalem: "Jerusalem ist unsere Stadt"

Jerusalem: "Jerusalem ist unsere Stadt"

Eine Fahrt von West nach Ost, quer durch eine Stadt, für deren Bewohner der politische Streit um ihre Heimat zum Alltag gehört.

Kurz nach zehn Uhr am Freitagmorgen steht Avihu Lugassi zusammen mit einem Freund an der Haltestelle Herzl Berg und wartet auf die Linie 1 der Stadtbahn. Es gibt nur diese Linie, und die beginnt hier, in dem bürgerlichen jüdischen Viertel Kirjat Hajovel mit seinen gepflegten kleinen Straßen, Ein- und Mehrfamilienhäusern, die begehrt sind, vor allem bei frommen Familien, denn in dem Viertel wohnen viele orthodoxe Juden. Kirjat Hajovel grenzt zudem an den Jerusalem- Wald. Es weht ein frischer Wind von den begrünten Hügeln, die die Stadt im Westen umschließen.

Für Lugassi hat eben das Wochenende angefangen. Er will zum Machane-Yehuda-Markt, bummeln, vielleicht ein paar Nüsse einkaufen oder etwas zum Naschen, bevor er zu seiner Familie fährt, die in Netanjaha lebt, an der Mittelmeerküste. Der 17-Jährige ist Schüler einer Jeschiwa, einer Thoraschule, in der fromme Juden die heiligen jüdischen Texte studieren. Er schläft die Woche über in dem kleinen Internat, das neben ihm noch neun andere Jugendliche beherbergt. Er trägt, wie für Jeschiwa-Schüler typisch, schwarze Hosen und ein ordentlich gebügeltes weißes Hemd, die schwarze Kippa ist auf den dunklen Locken mit einer Haarnadel festgesteckt.

Für Lugassi ist völlig klar, dass er "mit Gottes Hilfe immer in Jerusalem bleiben" wird. Das ganze jüdische Volk sollte in der heiligen Stadt leben, "um bereit zu sein, wenn der Messias kommt", was, wie er glaubt, schon bald passieren wird. Dass seine eigene Familie nicht in Jerusalem lebt, findet er schade, aber die Eltern müssen arbeiten. Die Mutter ist Kindergärtnerin, der Vater Beamter bei der Stadtverwaltung von Netanja. "Klar ist Jerusalem unsere Hauptstadt", sagt Lugassi sehr bestimmt. Dass US-Präsident Donald Trump das jetzt auch so sieht, findet er "ganz nett".

Die Stadtbahn fährt die Herzl-Straße entlang bis zur Weißen Harfe, der Hängebrücke an der Autobahn Richtung Tel Aviv, die noch keine zehn Jahre alt und trotzdem schon ein Wahrzeichen Jerusalems ist. Der Zug hält am zentralen Busbahnhof, wo das Publikum gemischter wird, die ersten Touristen steigen zu und Araber, die in West-Jerusalem arbeiten oder Besorgungen machen. Immer noch tragen viele der Juden eine Kippa, doch unter die schwarz-weiß gekleideten Männer mischen sich Jeansträger und Frauen mit bunten knielangen Röcken und Sandalen.

Lugassi steigt an der Jaffastraße, Ecke Machane Yehuda aus, wo sich schon am späten Vormittag Menschenmengen durch die Marktgassen drängen. Ein junger Musiker mit der für national-religiöse Juden typischen bunt-gestrickten Kippa und den Zizit, den Schaufäden traditionell jüdischer Kleidung, die unter seinem Kapuzenpullover hervorschauen, lockt mit gekonntem Trommeln auf Plastikeimern und Metallschalen einige Passanten. Am Straßenrand sitzen zwei ältere Israelinnen und halten die Hand auf für Kleingeld.

Auf dem Markt geht es bunt durcheinander auf Hebräisch und Arabisch und ab und zu auch auf Englisch und Russisch. Jüdische Israelis und Palästinenser arbeiten Hand in Hand hinter den mit frischem Obst und Gemüse voll beladenen Tischen, und auch bei der Kundschaft vermischen sich die zwei Völker, die man zumindest vom Aussehen her kaum auseinanderhalten kann. Trotz des Konflikts - oder vielleicht gerade weil es ihn gibt - ist das Leben intensiv, und auf diesem Markt wird oft schon am Tag getanzt, gelacht und die Musik laut aufgedreht. "Den besten Käse der Welt gibt es hier", ruft eine junge Händlerin ausgelassen und bietet ein dünnes Scheibchen Gouda zum Probieren. Viele Israelis kommen nicht nur, um rasch ein paar Einkäufe zu machen, sondern um in eins der Straßencafés zu gehen, ins Restaurant oder abends in eine der Bars mit Livemusik.

Wer es leiser bevorzugt, sucht sich gegenüber an der Jaffastraße ein hübsches Plätzchen, wo ein Café neben dem anderen auf Kundschaft wartet. Die Jaffastraße ist verkehrsberuhigt bis auf die Stadtbahn und Fahrräder. Hier liegt der Naturkostladen, in dem sich Schimschon Cohen seine Rente aufbessert. Der Laden ist an der Vorderfront in grellem Rot gestrichen. Eigentlich habe er sich vor ein paar Jahren schon zur Ruhe setzen wollen, dann aber ließ er sich von der Ladenkette engagieren, der er das Geschäft verkauft hatte. Cohens jüngste Tochter wird in ein paar Monaten ihren Armeedienst beenden, dann will sie studieren. Das Leben ist teuer in Israel, und die Arbeit macht dem 72-Jährigen noch erkennbar Spaß. Er hat sorgsam gekämmtes volles graues Haar, trägt eine schwarze Kippa, und unter dem Pullover guckt ein roter Hemdkragen hervor.

Als Kleinkind kam Cohen mit seiner Familie aus Brastislava direkt nach Jerusalem. "Wir können auch Deutsch reden", wechselt er problemlos in die Sprache seiner Mutter. Die war Österreicherin. "Jerusalem ist für mich nicht nur mein Lebensmittelpunkt und von religiöser Bedeutung", erklärt er. Dreimal am Tag betet Cohen, der sich als frommer Jude bezeichnet, aber nicht orthodox und auch nicht national-religiös ist. "Ich hoffe, dass der Messias bald kommt", lacht er verschmitzt. "Dann würde sich der Konflikt von selbst lösen."

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Seit einer Weile wohnt Cohen mit seiner Familie ist Ost-Jerusalem, in der israelischen Siedlung Pisgat Seew. Die Stadtbahn bringt ihn direkt dorthin. Angst vor politischen Unruhen hat er nicht. "Ach, die regen sich schon wieder ab", sagt er über die Palästinener, die gegen Trump protestieren. "Heute ist es Trump, morgen ist es was anderes."

Es sind von Cohens Naturkostladen nur noch wenige Stationen bis zu Altstadt, vorbei am Rathaus und den rund zwei Dutzend schlanken Palmen davor. Bürgermeister Nir Barkat ließ seinen Amtssitz mit dem Sternenbanner schmücken zum Dank an Trump. Der Zug biegt ab Richtung Osten und hält nicht weit vom Damaskus-Tor, wo seit dem Morgen ein Sonderaufgebot von berittenen Grenzpolizisten bereit steht, sollte es zu Krawallen kommen. Die Atmosphäre ist angespannt, Tausende Muslime strömen vom Freitagsgebet in der Al-Aksa-Moschee durch die engen Gassen zurück Richtung Damaskus-Tor.

Der 26-jährige Maslim Barakan aus dem arabischen Stadtviertel Beit Safafa kehrt auf dem Heimweg bei Abu Shukri ein, "dem bestem Falafal-Bäcker in der Altstadt", wie sich Juden und Muslime ausnahmsweise einmal einig sind. Barakan bestellt Falafal, Humus, einen Teller mit sauren Gurken und je einer geviertelten Zwiebel und einer Tomate. Das essen hier alle. Zweimal wöchentlich kommt der fromme Muslim in die Al-Aksa-Moschee. "Jerusalem war immer arabisch und wird es immer bleiben", sagt er und meint beide Stadthälften. Ein Zusammenleben der beiden Völker in Jerusalem schließt er aus. Fast 70 Jahre nach Gründung des israelischen Staates ist noch immer völlig offen, wem Jerusalem gehört oder wie viel von der Stadt Israel zugesprochen werden sollte und wie viel den Palästinensern. Jeder hat seine eigene Meinung, und die meisten finden, dass "ganz Jerusalem uns gehört" - Juden wie Muslime.

Freitags ist bei Abu Shukri nicht viel los. Die Muslime essen an ihrem heiligen Ruhetag in den Familien und die Juden auch, denn für sie beginnt der Sabbat schon am Freitagabend. Barakan wischt mit einem Stück Pita über den Humusteller. "Allahu akbar" rufen sie draußen und drängeln die mit Helmen und kugelsicheren Westen ausgerüsteten Grenzpolizisten zur Seite. Jeden Moment könnte die Demonstration außer Kontrolle geraten, und trotzdem scheinen beide Seiten darauf bedacht, es nicht zu Gewalt kommen zu lassen.

"Al Kuds", so benutzt Barakan den arabischen Namen für Jerusalem, "gehört uns." Über die Al-Aksa-Moschee möchte er reden und über die Probleme, "die die Juden machen", wenn sie dorthin kommen. "Das dürfen sie nicht, das verbietet der Koran." Schließlich gingen die Muslime ja auch nicht in die Synagogen. Trotz der harten Worte ist der junge Palästinenser durchaus sympathisch. Er schimpft - nicht wütend, eher entmutigt - darüber, dass "sie uns unser Land wegnehmen" und darüber, dass die Israelis "überall neue Wohnungen bauen", die Palästinenser hingegen gar nicht erst einen Antrag zu stellen brauchten, denn eine Baugenehmigung zu bekommen,sei ohnehin aussichtslos. "Das ist Rassismus. Das hier ist doch mein Zuhause." Ob er sich wehrt, ob er schon im Gefängnis war? Er nickt. "Hier wird man schon verhaftet, wenn man nur in die falsche Richtung atmet", ruft ein Mann vom Nebentisch.

Vor dem Laden hat sich die Menge aufgelöst, und die Grenzpolizisten stehen wieder an ihrem Posten, der dritten Station der Via Dolorosa, gleich neben dem legendären Österreichischen Hospiz mit dem Wiener Café im ersten Stock, wo es Apfelstrudel und Melange gibt. Auch in der Stadtbahn ist inzwischen kaum noch Betrieb. Vom Damaskus-Tor aus führen die Gleise für eine Weile direkt entlang der Schnittstelle zwischen Ost- und West-Jerusalem. Von Mauer und Zaun, die einst Jordanien und Israel voneinander trennten, ist zwar nichts mehr übrig, gefühlt ist die Stadt trotzdem noch immer geteilt. Links liegt das ultraorthodoxe Viertel Mea Schearim, rechts das palästinensische Scheich Dscharrach. Links sieht man die kinderreichen Familien der ganz in schwarz gekleideten frommen Juden. Oft tragen die Männer Hüte und die Frauen Perücken oder Kopftücher. Rechts die muslimischen Frauen, die auch Kopftücher tragen, aber anstelle von Röcken oder Kleidern Kaftane, die vom Hals bis zu den Füßen zugeknöpft sind. Auch die jungen Mädchen in Schuluniform verstecken ihr Haar schon früh unter Tüchern.

Der Zug erreicht schließlich Ost-Jerusalem. Haltestelle Schoafat. Mamduch Mohammad steigt hier aus. Er hätte nichts gegen ein ungeteiltes Jerusalem, nur sollten die Palästinenser dort das Sagen haben. Mit seinen jüdischen Kollegen kommt er gut aus. "Wir arbeiten und essen zusammen, früher haben sie mich auch manchmal besucht." Das sei aber inzwischen nicht mehr so. "Ich weiß nicht", sagt er, "warum das so ist." Da seien eben immer wieder Leute, die Probleme machten. Aber es helfe ja nichts: "Wir müssen hier zusammen leben."

(RP)