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Analyse: Jeder Zweite geht vorzeitig in Rente

Analyse : Jeder Zweite geht vorzeitig in Rente

Die Zahl der Frührentner, die Abschläge hinnehmen müssen, steigt. Es sind vor allem immer mehr Frauen, die in den vorgezogenen Ruhestand gehen. Nicht in allen Fällen ist Krankheit oder Arbeitslosigkeit die Ursache.

Immer mehr Menschen in Deutschland gehen in den vorgezogenen Ruhestand. Der Anteil der Neurentner, die Abschläge bei ihren Altersbezügen hinnehmen müssen, ist im Jahr 2011 auf 48,5 Prozent gestiegen. Im Jahr davor lag er noch bei 47,5 Prozent. Dies geht aus Zahlen der Deutschen Rentenversicherung und Berechnungen der Linkspartei hervor.

Im Durchschnitt müssen die Frührentner wegen der Abschläge monatlich auf 107,40 Euro verzichten. Die Mehrheit von ihnen ist rund drei Jahre vor Erreichen des gesetzlichen Renteneintrittsalters in Rente gegangen.

Die Gründe, warum sich Arbeitnehmer für ein vorzeitiges Ausscheiden aus dem Job entscheiden, können nicht genau aufgeschlüsselt werden. Viele Frührentner waren vorher krank oder arbeitslos und sind damit gezwungenermaßen aus dem Berufsleben gegangen. Darunter fallen auch immer mehr Arbeitnehmer, die aus psychischen Gründen krankgeschrieben sind. Die Statistik zeigt aber auch, dass Frührentner unter dem Strich besser verdient haben als der Durchschnitt und sich daher die Abschläge eher leisten können. Viele haben ausreichend Geld geerbt.

Besonders häufig entscheiden sich Metallarbeiter, Krankenpfleger, Erzieher oder Beschäftigte aus dem Dienstleistungssektor für den vorgezogenen Ruhestand. Auffällig ist, dass vor allem der Anteil der Frauen in vorgezogenem Ruhestand deutlich von 36 auf rund 52 Prozent gestiegen ist. Bei den Frauen im Osten fällt die Entscheidung für die vorgezogene Rente häufig nach 40 Berufsjahren oder mehr. Im Westen neigen Frauen vielfach dazu, mit ihren Männern in den Ruhestand zu gehen. Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) erklärte, es zeige sich darin eine stärkere Erwerbsbeteiligung von Frauen. Zum anderen werde deutlich, dass Beschäftigte früher ausscheiden, "weil es nicht mehr geht", sagte die Ministerin. Anscheinend könne es sich der große Teil aber leisten, frühzeitiger in Rente zu gehen: "Etwa wenn der Partner die volle Rente hat und das gesamte Haushaltseinkommen reicht." Die Altersarmut, also der Anteil der Senioren, die Grundsicherung beziehen, liegt seit Jahren unter drei Prozent.

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Um die Deutungshoheit, wie sich die Lage älterer Beschäftigter darstellt und wie viele in den vorgezogenen Ruhestand und damit auch in finanzielle Sorge getrieben werden, tobt ein harter Kampf. Hintergrund ist die Einführung der Rente mit 67. Denn die war mit der Bedingung versehen worden, dass die Lage älterer Arbeitnehmer regelmäßig überprüft werden müsse.

Die Rente ab 67 wird seit dem vergangenen Jahr schrittweise umgesetzt. Wer in diesem Jahr abschlagfrei in Rente gehen möchte, muss bis 65 Jahre plus zwei Monate arbeiten. Arbeitnehmer ab dem Jahrgang 1964 werden bis zum 67. Geburtstag arbeiten müssen, um danach die volle Rente beziehen zu können. Langjährige Versicherte können aktuell frühestens mit 63 in Rente gehen, müssen dann aber 7,8 Prozent Rentenabschlag in Kauf nehmen. Wenn die Rente mit 67 vollständig umgesetzt ist, wird der Abschlag sogar 14,4 Prozent betragen. Für jeden Monat, den ein Arbeitnehmer vor Erreichen der gesetzlichen Grenze in den Ruhestand geht, wird ein Abschlag von 0,3 Prozent fällig.

Obwohl die Zahl der Frührentner gestiegen ist, hat sich die Lage älterer Beschäftigter verbessert. Mit 29,3 Prozent ist die Beschäftigungsquote der 60- bis 64-Jährigen so hoch wie nie zuvor. Allerdings gibt es einen Einbruch bei den 64-Jährigen, also jenen, die kurz vor dem Renteneintritt stehen. Ihre Beschäftigtenquote ist von 14,4 Prozent im Juni 2011 auf 14,2 Prozent im Juni 2012 gesunken.

Gewerkschaften und Opposition kritisierten die Lage. DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach sagte, fast die Hälfte der Arbeitnehmer schaffe es nicht, bis 65 durchzuhalten. Die hohen Arbeitsbelastungen machten die Rente mit 67 unerreichbar. Solange Beschäftigte kaum die Chance hätten, bis 65 zu arbeiten, müsse die Rente mit 67 ausgesetzt werden. SPD-Chef Sigmar Gabriel erklärte, es seien flexiblere Übergänge in die Rente notwendig. Wer 45 Jahre in die Rentenversicherung eingezahlt habe, müsse ohne Abschläge in Rente gehen können.

Arbeitsministerin von der Leyen, die gestern ihren Report "Altersgerechte Arbeitswelt" vorlegte, sieht die Entwicklung grundsätzlich positiv: "Ältere Arbeitnehmer bleiben die Gewinner auf dem Arbeitsmarkt der vergangenen Jahre", erklärte sie. Mit steigendem Fachkräftebedarf rückten auch die gut ausgebildeten älteren Arbeitnehmer immer weiter in den Fokus.

Der Regierungsreport mahnte zugleich Verbesserungen für ältere Beschäftigte an. Kleinen und mittleren Betrieben fehlten spezielle Maßnahmen für Ältere. Zudem habe zwar die körperliche Belastung am Arbeitsplatz abgenommen, dafür seien aber Arbeitstempo und Termindruck gestiegen. Dies bringe besonders für Ältere neue Belastungen. Der Report forderte zudem, die Senioren im Betrieb bei der Schichtarbeit zu entlasten. Während die Koalition seit Monaten um Zuschuss-, Lebensleistungs- und Mütterrente streitet, liegt schon genauso lange ein von Union und Liberalen getragenes Konzept in der Schublade, das Frührentnern das Leben leichter machen soll. Derzeit dürfen Frührentner nur 400 Euro hinzuverdienen.

Die Kombi-Rente sieht individuelle Hinzuverdienstgrenzen vor: Die Frührentner sollen so viel nebenbei erwerben können, bis ihr früheres Jahreseinkommen erreicht ist. Die Obergrenze soll sich am höchsten Jahresbruttoeinkommen in den 15 Jahren vor Renteneintritt bemessen. Ein Beispiel: Ein Arbeitnehmer verdiente zuletzt 3300 Euro pro Monat und erhält nun eine Rente von 1600 Euro pro Monat. Dann darf er noch 1700 Euro verdienen. Selbstverständlich muss er auf den Verdienst Sozialbeiträge und Steuern zahlen. Die zusätzlichen Rentenbeiträge wiederum sorgen dafür, dass sich die spätere Altersrente noch einmal erhöht.

Ursprünglich sollten die Hinzuverdienstgrenzen zum 1. Juli gelockert werden. Allerdings wird sich dieses Vorhaben wegen der Mehrheit der rot-rot-grün regierten Länder im Bundesrat vermutlich nicht umsetzen lassen.

(qua)