Düsseldorf: Japaner leben mit der Gefahr

Düsseldorf : Japaner leben mit der Gefahr

Eine ganze Nation übt am 1. September regelmäßig, wie man sich bei Erdbeben verhält. Die Japaner haben daheim Notfall-Pakete und Schutzhelme, um das erste Chaos nach einer Katastrophe überstehen zu können. Die Hauptstadt Tokio verfügt im Untergrund über Versorgungsröhren, um die Menschen in einer zerstörten Stadt erreichen zu können.

Japaner haben es gelernt, mit der Gefahr und der aus ihr entstehenden Angst zu leben. Von klein auf sind sie gewöhnt, dass die Erde beben kann, dass daheim Schränke umfallen und Tassen klirren und dass sie dann Schutz suchen müssen, um von herunterfallenden Mauerstücken oder Gebäudeteilen nicht verletzt oder getötet zu werden. Die Forscher der seismologischen Institute registrieren rund 10 000 Erdbeben im Jahr, die meisten sind aber so schwach, dass die Menschen sie nicht als Erderschütterungen wahrnehmen. Sie sind kaum stärker, als wenn einige schwere Lastwagen die Straße entlangfahren.

Doch es gibt eben auch die anderen, die schweren Beben, die den Menschen Angst einjagen, weil sie ihnen die eigene Ohnmacht und das Ausgeliefertsein angesichts solcher Naturereignisse vor Augen führen.

Ein solches Schlüsselerlebnis war für die ganze Nation das große Erdbeben von 1923, das in der Region um Tokio mehr als 140 000 Tote gefordert hatte. Tagelang standen Teile der Stadt in Flammen, ganze Stadtteile waren dem Erdboden gleichgemacht oder nur noch Schutt und Asche. Mitschuld an dem Inferno war die Bauweise: Die Bausubstanz der Stadt bestand in der Regel aus kleinen Holzhäusern. Stürzten sie ein, kam es zu verheerenden Bränden, weil die offenen Feuerstellen in den Häusern nun mehr als genug Nahrung fanden. Außerdem waren viele Straßen zu eng – für Löschmannschaften ein wahrer Alptraum.

Heute ist Tokio ein Wald aus Hochhäusern, durch die auf mehreren Etagen Schnellstraßen führen. Die Region um den Stadtkern beherbergt rund 40 Millionen Menschen. Sie alle leben im Spannungsfeld dreier Kontinentalplatten, die sich bewegen, verschieben, verzahnen und spannungsgeladen irgendwann losbrechen. Die Folge sind verheerende Erdbeben mit Schäden in Milliarden-Höhe.

Die Stadtväter Tokios haben aus dem Beben von 1923 gelernt. 2500 Hochhäuser stehen heute auf Stoßdämpfern und Federn aus Stahl. Bei einem Erdbeben darf das Gebäude zwar bedenklich wackeln, nur einstürzen darf es nicht. Würden Hochhäuser zusammenbrechen, würden enorme Schuttberge entstehen, Menschen wären verschüttet und von Trümmern erschlagen. Rettungswege für erste Hilfe, für Löschmannschaften und Versorgungstrupps würden unpassierbar.

Folgerichtig haben sich Japans Erdbebenforscher, Naturwissenschaftler und Techniker darangemacht, neue und vor allem sicherere Bauweisen zu entwickeln. Kazuhiko Kawashima, Professor am Institut für Technologie in Tokio, zog nach dem schweren Erdbeben in der Hafenstadt Kobe 1995 den Schluss, dass vor allem die alte Bausubstanz zum Einsturz gekommen war. Das bezog er auf Gebäude und Schnellstraßen. Die Hanshin-Super-Express-Straße, die 1970 eingeweiht worden war, sei wegen ihres Alters zusammengebrochen. Es hat das japanische Selbstbild schwer angekratzt, dass die Betonpfeiler der Straße umgeknickt waren wie Grashalme. Der Professor sagte damals gegenüber unserer Zeitung, als Lehre aus dem Wiederaufbau der Infrastruktur in Kobe würden unter anderem in Tokio die Pfeiler der Schnell- und Hochstraßen verstärkt und erdbebensicher gemacht.

Das Stadtgebiet von Tokio ist heute von rund 100 Kilometern Tunneln durchzogen. Dabei handelt es sich nicht um die U-Bahn-Trassen. Es sind Versorgungsröhren für Wasser, Energie und Lebensmittel, für medizinisches Gerät und Rettungskräfte, sollte es in der Stadt zu Gebäudeeinstürzen kommen und sollten ganze Stadtteile von der Nothilfe abschnitten sein.

Auch heute noch gibt es in Japans Hauptstadt Stadtteile mit der traditionellen Holzbauweise. Sie sollen im Rahmen der Katastrophenvorsorge in der Innenstadt bis zum kommenden Jahr ersetzt oder modernisiert werden. Dazu gehört auch eine Imprägnierung gegen Feuer. Gas- und Stromleitungen werden in den alten Stadtteilen noch über die Erde geführt. Bei Erdbeben brechen in der Regel Gasrohre, dann reißen auch noch Elektroleitungen. Es kommt zu Kurzschlüssen und zu Gasexplosionen und kaum noch einzudämmenden Großbränden.

Das schwere Erdbeben am Freitag rund 400 Kilometer nördlich der Hauptstadt an der Ostküste Japans geht einher mit schwersten Beschädigungen von Atomkraftwerken und dem Austritt von Radioaktivität. Nun hält ein Alptraum das Land in seinem Bann. Die sicherheitsorientierten Japaner sind zutiefst verunsichert, denn erstmals in ihrer Geschichte wurde der nukleare Notstand ausgerufen. Eine Nation, die als einzige der Welt die apokalyptischen Schrecken und Wirkungen von zwei Atombombenabwürfen zum Ende des Zweiten Weltkrieges mit Zigtausend Toten zu verkraften hatte, sieht sich heute trotz ihres fast schon Sicherheitsfanatismus einer zivilen atomaren Bedrohung ausgesetzt.

Die Japaner sind geschockt, weil sie in ihrem Glauben an den technologischen Fortschritt in ihren Grundfesten erschüttert wurden. Nach dem verheerenden Erdbeben an der Ostküste war das Meer an Land gegangen. Der alles zermalmenden Wasserflut des folgenden Tsunamis fielen die Netze der Funktelefone zum Opfer, es gab keinen Strom mehr, Wasser wurde knapp, Schiffe fanden sich in Innenstädten wieder und Autos schwammen auf dem Meer. Die Infrastruktur war großflächig zerstört, so dass Tausende in den Büros übernachten mussten, weil sie nicht mehr nach Hause kamen. Zu den japanischen Sicherheitsmaßnahmen gehört auch, dass Shinkansen-Hochgeschwindigkeitszüge bei Gefahr automatisch gestoppt werden. Bei Erdbeben, Tsunamis oder Taifunen, die Japan bedrohen, werden die Menschen von den Fernsehstationen rund um die Uhr über Entwicklungen und geeignete Schutzmaßnahmen informiert.

Um solchen Situationen nicht gänzlich hilflos ausgeliefert zu sein, halten Japaner ständig irgendwo Katastrophenübungen ab. Die größte und spektakulärste findet in jedem Jahr am 1. September zur Erinnerung an das große Beben von 1923 statt. Dann kleidet sich eine ganze Nation in Schutzkleidung und spielt den Ernstfall durch. Die Menschen nehmen die Sache bitter ernst.

Auch der Regierungschef ist mit von der Partie. Er ruft die Menschen zu Ruhe auf, fordert Nachbarschaftshilfe und Einsatzbereitschaft. Bei der letzten Übung im vergangenen Jahr hat Ministerpräsident Naoto Kan Sandsäcke geschleppt und zusammen mit Schülern die Bergung von Verletzten geübt. Jeder muss mit anpacken. Damit alles im Ernstfall klappt, muss geprobt und immer wieder geprobt werden. Japans Menschen tun das, ohne zu murren, geduldig und wahrscheinlich mit einem Hauch Fatalismus. Sie wissen es, und die Übungen machen es ihnen immer wieder klar: Japaner leben mit einer ständigen Gefahr, die eine unkalkulierbare Natur für sie bereit hält.

Doch mit der Übung am 1. September ist es nicht getan. Japaner sind durch jahrelange Erfahrung zu Sicherheitsspezialisten geworden. So werden Rettungsübungen regelmäßig auch in Unternehmen und Behörden durchgeführt. Das soll im Ernstfall panisches Verhalten verhindern. Die 125 Millionen Japaner sollen sich überlegt verhalten, sie sollen durch eingeübte Ordnung das planlose Chaos verhindern. Man trainiert alles, weil man weiß, dass man einer Gefahr ins Auge blicken muss, um sie in seinem täglichen Leben zu beherrschen. Japaner wollen die Gefahr so gut es geht beherrschen, sie wollen aber nicht von den Bedrohungen beherrscht werden.

Sind sie daheim, haben sie ihre Notfalltasche immer griffbereit. Sie ist gefüllt mit Trinkwasser, Taschenlampe, einem Erste-Hilfe-Paket und einer Notration an Keksen. Sie haben gegenüber anderen Lebensmitteln den Vorteil, nicht so rasch zu verderben. Außerdem gehört zu diesem Sicherheitspaket ein Schutzhelm. Auch die Hotels sorgen für ihre Gäste vor. In jedem Zimmer finden sich für die ausländischen Besucher Anweisungen, wie man sich verhalten soll, wenn die Erde wackelt.

Doch die Japaner wissen auch, dass solche Naturkatastrophen die Menschen verändern können. Dann kann Hilfsbereitschaft, Mitgefühl und Selbstlosigkeit umschlagen in Egoismus. Nach dem Erdbeben von Kobe 1995 haben Ehefrauen vom unsozialen Verhalten ihrer Ehemänner, Verwandten und Väter berichtet. Die Stadt hatte noch ein Jahr nach dem Beben soziale Einrichtungen für Erdbebenopfer unterhalten. Da wurde besonders für Ältere, Kinder und Behinderte gesorgt, damit sie wieder ein normales Leben aufbauen konnten.

(RP)
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