Washington: Jackies Leben mit dem Präsidenten

Washington: Jackies Leben mit dem Präsidenten

Sie war die Frau an der Seite von John F. Kennedy, lebte bis zu seiner Ermordung 1963 im Zentrum der Macht. Jetzt wurden in den USA Interviews veröffentlicht, in denen Jacqueline Kennedy pikante Details aus dem Regierungsleben enthüllt und ihre Sicht politischer Ereignisse schildert.

Die First Lady spricht, und sie hat nicht viel Gutes zu sagen. Charles de Gaulle, der stolze Franzose? Ein "Egomane". Indira Gandhi, bald die prägende Politikerin Indiens? "Eine richtige Trockenpflaume, verbittert, irgendwie aufdringlich, eine schreckliche Frau." Und wie wenig ihr Mann von seinem Stellvertreter Lyndon B. Johnson hielt, macht sie in drastischen Worten deutlich: "O Gott, kannst du dir vorstellen, was mit dem Land passieren würde, wenn Lyndon Präsident wäre?", zitiert sie John F. Kennedy, den eleganten Charmeur, neben dem der bullige Texaner stets wie ein unbeholfener Grobian wirkte. Martin Luther King, den charismatischen Prediger der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung, nennt sie einen Schwindler, der unentwegt Liebschaften anbahne. Im Weißen Haus waren sie bestens im Bilde, denn King wurde rund um die Uhr von den Schnüfflern des FBI abgehört.

Achteinhalb Stunden saß Jacqueline Kennedy auf der Couch, um sich ihren Frust von der Seele zu reden. Im März 1964, vier Monate nachdem JFK in Dallas ermordet wurde, ließ sie in sieben Gesprächen mit dem Historiker Arthur Schlesinger Revue passieren, was sie im Zentrum der Macht beobachtet hatte. Eigentlich sollten die geheimen Tonbänder bis 2044 unter Verschluss bleiben. Erst fünfzig Jahre nach Jackies Tod, war die ursprüngliche Abmachung, sollte die Öffentlichkeit von ihnen erfahren. Nun aber hat Caroline, Jackies Tochter, die Frist kurzerhand verkürzt und erklärend hinzugefügt, dass sich ihre Mutter damals in einem "extremen Stadium der Trauer" befand. Man möge nicht jeden Satz auf die Goldwaage legen, soll das wohl heißen.

Im Fernsehsender ABC durfte Starmoderatorin Diane Sawyer vorab über die interessantesten Passagen berichten, bevor heute ein Buch über die Bänder erscheint. Das Interesse ist groß, die Nostalgie auch. Die Ära Kennedy – von krisengebeutelten, verunsicherten Amerikanern wird sie romantisch verklärt zur goldenen Zeit. Und die stilsichere, weltläufige, ein wenig rätselhafte First Lady ist im Nachhinein so etwas wie das Kronjuwel dieser Epoche. Der sehnsüchtige Blick zurück erklärt den Zauber.

Dabei enthalten die Tondokumente nichts, weshalb man die Geschichte umschreiben müsste. "Wer auf sensationelle Enthüllungen wartet, der wartet vergeblich", dämpft der Präsidentenhistoriker Carl Anthony. Vielmehr schildert Jacqueline Kennedy mit scharfem Blick für kleine Details, was sich am Rande politischer Dramen zutrug. 1961, als kubanische Exilanten mit Hilfe der CIA Fidel Castro zu stürzen versuchten und die Invasion in der Schweinebucht mit einem Fiasko endete, habe der Präsident im Schlafzimmer geweint, das Gesicht in die Hände vergraben. Die Kuba-Krise von 1962, als die Sowjetunion Raketen auf der Zuckerinsel stationierte und die beiden Supermächte am Abgrund eines Krieges wandelten, ließ die Nerven so blank liegen, dass sie ihm überhaupt nicht mehr von der Seite weichen wollte. "Das war die Zeit, in der ich ihm am nächsten war", erinnert sich Jackie. Nicht eine Minute lang habe sie die Residenz verlassen und es strikt abgelehnt, mit den Kindern nach Camp David zu ziehen, auf den stillen Landsitz in den Catoctin-Bergen. "Ich sagte ihm, selbst wenn im Bunker des Weißen Hauses kein Platz ist, ich sagte, bitte, ich will einfach bei dir sein. Und ich will lieber mit dir sterben, und die Kinder wollen es auch, als ohne dich weiterleben."

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Im Übrigen fällt kein kritisches Wort über den notorischen Schürzenjäger, dessen Eskapaden Stadtgespräch waren. Die glamouröse Bankierstochter schien zufrieden damit, die Rolle der traditionellen, den Gatten vergötternden Gemahlin zu spielen. Ihre Ehe charakterisiert sie als ziemlich "viktorianisch oder asiatisch". Sie habe ein Klima der Zuneigung und des entspannten Komforts schaffen wollen und daher nicht gestritten mit John, den sie als echten Gentleman skizziert, ausgestattet mit feinem Geschmack, sei es bei Menschen, Möbeln oder Literatur. Ob beim Laufen, beim Essen oder Baden: Oft habe er ein Buch in der Hand gehabt. Und in der Badewanne jede Menge Quietscheenten. Klatsch und Tratsch eben, ein Blick durchs Schlüsselloch der Macht, aber meist nur auf Alltägliches. Abends habe JFK kurz gebetet, auf dem Bettrand kniend, ungefähr drei Sekunden. "Ich glaube, es war so eine kindische Angewohnheit, es war wie Zähneputzen oder so was. Aber es war süß, es hat mich amüsiert."

Es mangelt nicht an Zeitzeugen, die es mit einer gehörigen Portion Skepsis anzweifeln, das Bild, das die junge Witwe von sich selbst entwirft. Wer sie gut kannte, nahm sie nicht als schüchternes Mauerblümchen wahr, ganz im Gegenteil. Vielleicht, spekuliert die "New York Times", wollte sie im Dialog mit Schlesinger einfach ein Rollenverständnis betonen, wie es seinerzeit zum guten Ton gehörte.

Wie sie Menschen faszinierte, schien sie indes geahnt zu haben, nachdem sie fürs Fernsehen durch das Weiße Haus geführt hatte und die Einschaltquote bei 56 Millionen lag. "Plötzlich war alles vergessen, was bis dahin als Nachteil galt. Mein Haar, dass ich Französisch sprach, dass ich kein Brot buk. Alle dachten, ich sei ein Snob. Das alles änderte sich." Allerdings, dem Feminismus scheint Jaqueline keine Sympathien entgegengebracht zu haben. Pikiert spricht sie von "extrem liberalen" Frauen, die John nicht mochten, "weil sie Angst vor Sex haben". Über die Schwägerin des südvietnamesischen Präsidenten und eine amerikanische Kongressabgeordnete flüstert sie in konspirativem Ton: "Es würde mich nicht überraschen, wenn sie lesbisch wären."

Jackie hatte Einblicke ins politische Leben, Einfluss dagegen kaum. Als ihr der US-Botschafter in Pakistan seiner plumpen Taktlosigkeit wegen missfiel, versuchte sie ihn abzusägen, freilich vergebens. Und auch ihre Abneigung gegen Lyndon B. Johnson, den sie als Ränkeschmied mit egoistischen Hintergedanken schmähte, konnte nicht verhindern, dass dieser bis 1969 Präsident der USA blieb.

(RP)
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