Tel Aviv: Israels verstummte Friedensbewegung

Tel Aviv : Israels verstummte Friedensbewegung

Nach dem mutmaßlichen Rachemord an einem arabischen Jugendlichen bleibt die Lage zwischen Israelis und Palästinensern angespannt. Im Gaza-Streifen kam es zu anti-israelischen Protesten. Das Land steht vor einer Zerreißprobe.

Der israelische Ministerpräsident Ehud Barak hatte sich für den Sommer 2000 viel vorgenommen: Nach sieben Jahren stockender Verhandlungen wollte er in Camp David unter amerikanischer Aufsicht den Konflikt mit den Palästinensern endlich lösen. Israels Friedenslager war voller Hoffnung: Der am höchsten dekorierte Soldat in der Staatsgeschichte hatte das Zeug, so glaubte man, den Traum von friedlicher Koexistenz wahr werden zu lassen. Doch das zweiwöchige Gipfeltreffen mit Palästinenserpräsident Jassir Arafat wurde zum Desaster. Amerikaner und Israelis machten ihn für das Scheitern der Gespräche verantwortlich: "Ich habe ihm die Maske vom Gesicht gerissen", behauptete Barak - und nahm dem Friedenslager damit den Wind aus den Segeln.

Ein Zustand, der bis heute anhält: Am Mittwoch wurde in einem Wald bei Jerusalem die Leiche des 16-jährigen Mohammed Abu Chedair gefunden. Danach kam es im arabischen Ostteil Jerusalems zu schweren Ausschreitungen. Israelische Medien sprachen von möglicher Rache rechtsgerichteter Israelis für den gewaltsamen Tod von drei verschleppten und getöteten jüdischen Jugendlichen. Die beiden mutmaßlichen Mörder sollen Mitglieder der Hamas sein.

Bei der Suche nach den Tätern wurden gestern 13 Personen im Westjordanland festgenommen, wie eine Armeesprecherin bestätigte. Im Gaza-Streifen kam es zu anti-israelischen Protesten. In einer umstrittenen Internetkampagne unterstützten Tausende Menschen den Ruf nach Vergeltung. Die Seite "Das Volk Israel fordert Rache" im sozialen Netzwerk Facebook hatten nach Medienberichten bis zum Mittwochnachmittag rund 35 000 Unterstützter. All das ist ein neues Desaster für die Friedensbewegung.

Dabei hatten Israels Tauben Jahrzehnte Krieg und Attentate überdauert. Eine solide Mehrheit in der Bevölkerung hielt am Prinzip "Land für Frieden" fest: Wenn man besetzte Gebiete aufgebe, würde man im Gegenzug Sicherheit und Frieden erhalten. Heute glauben das nur noch wenige. Nichts hat daran mehr Schuld als die zweite Intifada (arabisch für "Aufstand"), die auf Camp David folgte. Arafat kehrte nicht nur Baraks Verhandlungen den Rücken. Er sah auch tatenlos zu, als Hunderte israelische Zivilisten in einer Reihe blutiger Attentate ermordet wurden. Vielleicht ermutigte er sie sogar.

Bis heute stehen viele Israelis Verhandlungen mit den Palästinensern skeptisch gegenüber. Auch andere Lösungsansätze scheiterten. Vor der zweiten Intifada hatte Barak sich einseitig aus dem Südlibanon zurückgezogen, den Israel seit 1982 als Sicherheitszone besetzt hatte, um den Norden des Landes vor Angriffen zu schützen. Ähnlich machte es Ariel Scharon, der 2005 alle Siedlungen des Gaza-Streifens räumte. Doch Israel erhielt für die Entscheidung, Gebiete zurückzugeben und sich auf international anerkannte Grenzen zurückzuziehen, nicht etwa Ruhe - sondern Raketen. Noch heute prasseln fast täglich Geschosse aus Gaza auf israelische Städte.

Die meisten Israelis sind deshalb schlicht ratlos: Sie glauben weder an Verhandlungen noch an die Besatzung oder an einseitige Schritte - und widmen sich deswegen lieber Problemen, die sie lösen können. Bei den letzten Wahlen spielte das Palästinenserproblem fast keine Rolle mehr. Die Arbeiterpartei und die linke Meretz versuchten, mit der Debatte über soziale Unterschiede und die hohen Lebenshaltungskosten Wählerstimmen zu gewinnen. Wer den Konflikt zum Wahlprogramm machte wie die israelische Politikerin Zipi Livni, errang gerade einmal sechs Sitze.

Wenn also auch heute trotz ausufernder Gewalt die Mehrheit der Israelis still bleibt, rührt das kaum daher, dass sie keinen Frieden wollen. Es liegt daran, dass sie nicht wissen, wie sie ihn herbeiführen sollen.

(RP)
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