Islamisten unterwandern Pakistan

Islamisten unterwandern Pakistan

Teil 2 Eine vierteilige Serie beleuchtet die Auswirkungen der Tötung Osama bin Ladens auf die Weltpolitik. In Pakistan hatte der Al-Qaida-Chef Unterschlupf gefunden. Die Kommando-Aktion der Amerikaner ist für die Führung eine Blamage – und Anlass zur Sorge. Denn offenbar bleiben in dem Atomstaat die Sympathien für die Islamisten stark.

Islamabad/Düsseldorf Muhammed Arshad sammelte sich kurz. Dann rief der Wissenschaftliche Leiter der pakistanischen Atomenergie-Kommission laut "Allah ist groß" und drückte auf den roten Knopf. Am 28. Mai 1998 um 15.16 Uhr detonierten in einem Stollen tief im Granitgestein im Südwesten Pakistans zeitgleich fünf Atombomben. Das südasiatische Land hatte mit dem Erzfeind Indien gleichgezogen. Das Volk jubelte in den Straßen über den Aufstieg Pakistans zur ersten "islamischen Atommacht".

Wohin steuert dieser nuklear bewaffnete, aber politisch chronisch instabile Staat? Diese bange Frage stellt sich nach der spektakulären Kommandoaktion der Amerikaner gegen Osama bin Laden mit neuer Eindringlichkeit. In Washington schwankt man noch, was schlimmer ist: Pakistans chronische Unzuverlässigkeit als Verbündeter oder seine Schwäche. Dass der Al-Qaida-Chef in Pakistan einflussreiche Helfer gehabt haben muss, gilt wenigstens in westlichen Geheimdienstkreisen als ausgemachte Sache. Möglicherweise wusste die Regierung in Islamabad nichts von bin Ladens Aufenthalt auf pakistanischem Territorium. Dass aber die allmächtige Armee und ihre Sicherheitsdienste nicht auf dem Laufenden waren, mag niemand glauben.

Experten befürchten schon lange, dass Pakistan im Kampf gegen den Terrorismus ein doppeltes Spiel treibt. Sie erinnern daran, dass das Land bis zum 11. September 2001 zu den wichtigsten Unterstützern des Taliban-Regimes im benachbarten Afghanistan gehörte. Erst auf massiven amerikanischen Druck hin vollzog der damalige pakistanische Präsident Pervez Musharraf eine Kehrtwende und kooperierte mit Washington. Dafür hat das Land seither fast 20 Milliarden Dollar an Militär- und Wirtschaftshilfe erhalten. Doch gerade im Sicherheitsapparat blieben die Sympathien für die Taliban und andere Extremistengruppen hoch. Und auch im einfachen Volk galt Osama bin Laden vielen Menschen weiter als "Freiheitskämpfer". Fast jeder vierte Pakistaner hatte eine gute Meinung von dem Al-Qaida-Chef.

Daran wird sich so schnell nichts ändern. Seit den 90er Jahren ist in der pakistanischen Armee zudem eine Generation von Offizieren herangewachsen, die stark von islamischem Gedankengut geprägt ist, anti-amerikanisch und skeptisch gegenüber dem gesamten Westen eingestellt. Gegen islamistische Gruppen mögen sie nur kämpfen, sofern diese Anschläge in Pakistan selbst verüben. Am von Washington ausgerufenen Kampf gegen den internationalen Terror haben sie kein Interesse. Radikale Islamisten-Gruppen, die Anschläge in Indien verübt haben, konnten sich dabei möglicherweise sogar auf stillschweigende Unterstützung durch Kreise des Militärs verlassen, die nichts unversucht lassen, um den Erzfeind zu schwächen.

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Trotzdem kann US-Präsident Barack Obama den unsicheren Verbündeten kaum fallen lassen. Die wichtigsten Nachschubrouten für die Nato-Truppen in Afghanistan verlaufen durch Pakistan, und auch für eine haltbare Friedenslösung in Kabul wird das Land wohl oder übel gebraucht. Und schließlich geht es um die Sicherheit der Atomwaffen. Zwar haben die Amerikaner in den vergangenen Jahren dafür gesorgt, dass die Massenvernichtungswaffen besser gesichert sind. Die vermutlich rund 100 nuklearen Sprengköpfe sind in Einzelteile zerlegt, die an geheim gehaltenen Orten scharf bewacht werden. Aber das gilt nicht für das pakistanische Know-how.

Noch bevor 1998 die ersten pakistanischen Atombomben gezündet wurden, verhökerte der Leiter des Waffenprogramms, Abdul Qadeer Khan, munter Anleitungen und Ausrüstungen für den Bau nuklearer Sprengsätze, und zwar vorwiegend in der islamischen Welt. Libyens Diktator Muammar al Gaddafi kaufte gleich das Komplettprogramm, die Mullahs im Iran interessierten sich vor allem für Uran-Zentrifugen. Und mit der stalinistischen Diktatur Nordkorea gab es ein Tauschgeschäft: Atomtechnologie gegen Baupläne für Langstreckenraketen.

Als Khans schmutzige Deals 2004 aufflogen, reagierte Pakistans Führung wie im Falle Osama bin Ladens und behauptete, von nichts gewusst zu haben. Der im Volk als Nationalheld verehrte "Vater der pakistanischen Bombe" wurde mit Samthandschuhen angefasst. Khan musste sich im Fernsehen öffentlich entschuldigen, wurde aber für seine Taten nie belangt. Noch 2009 schwärmte er über eine nukleare Partnerschaft mit dem Iran. Dann könnten beide Länder in der Region einen starken islamischen Block bilden, "um uns internationalem Druck zu widersetzen", riet Khan.

(RP)
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