Iran führt Todeskandidatin im TV vor

Iran führt Todeskandidatin im TV vor

Die wegen Ehebruchs zur Steinigung verurteilte Sakineh Mohammadi Aschtiani wird zu Propagandazwecken missbraucht. Im Staatsfernsehen muss sie das angebliche Mordkomplott an ihrem Ehemann nachstellen. Die zynische Zurschaustellung der 43-Jährigen löst weltweit Empörung aus.

Teheran/Düsseldorf Erst streift die Frau Latexhandschuhe über, dann holt sie eine Spritze aus dem Schrank und nähert sich einem schlafenden Mann. Sie betäubt ihn mit einer Injektion. Schon nähert sich ihr Liebhaber dem Opfer, schlingt ein Elektrokabel um dessen Fuß und tötet es mit Stromschlägen. Ein hinterhältiger Mord vor laufender Kamera – bei dem die Hauptdarstellerin sich selbst spielen musste. Die wegen Ehebruchs zur Steinigung verurteilte Iranerin Sakineh Mohammadi Aschtiani wurde dazu gezwungen, das angebliche Mordkomplott an ihrem Ehemann für eine "TV-Rekonstruktion" nachzuspielen.

Die makabere Inszenierung, die im englischsprachigen Staatssender Press TV ausgestrahlt wurde, löste weltweit Empörung aus. Mehr als 80 Persönlichkeiten forderten in einem offenen Brief an die iranische Führung die sofortige Freilassung von Mohammadi Aschtiani. Sie habe "genug gelitten", heißt es in dem unter anderem von dem US-Schauspieler Robert Redford und dem britischen Musiker Sting unterzeichneten Schreiben, das die Zeitung "The Times" gestern veröffentlichte. Nachdem die Regierung in Teheran unter internationalem Druck die Hinrichtung durch Steinigung wegen Ehebruchs ausgesetzt habe, versuche sie nun die parallel erhobene Anklage wegen der angeblichen Ermordung ihres Ehemanns wiederzubeleben, lautet der Vorwurf der Unterzeichner.

Schon dreimal war Mohammadi Aschtiani im iranischen Fernsehen aufgetreten, doch noch nie war sie so klar zu erkennen gewesen: Die Kameras zeigten ihr Gesicht in Nahaufnahme, auch als sie immer wieder in Tränen ausbrach. Ihre "Aussagen" auf Farsi wurden in englischsprachigen Untertiteln übersetzt. Die aufwändig gestaltete Sendung im Stil von "Aktenzeichen XY" richtete sich dabei ganz offensichtlich an ein ausländisches Publikum. Der über Satellit ausgestrahlte Kanal Press TV gilt als internationales Sprachrohr des Mullah-Regimes und wird im Iran kaum gesehen. Ziel war es offensichtlich, die weltweiten Zweifel an der Schuld der 43-jährigen Mutter zu widerlegen.

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Für die Aufzeichnung der nachgestellten Szenen hatte Mohammadi Aschtiani sogar eigens das Gefängnis im nordiranischen Täbris verlassen dürfen, in dem sie seit fünf Jahren einsitzt. Erste Fernsehbilder von diesem "Freigang" hatten Unterstützerkomitees in Europa vergangene Woche zur voreiligen Mitteilung veranlasst, die Beschuldigte sei ebenso wie ihr Sohn Sadschad und ihr Anwalt Hutan Kian aus der Haft entlassen worden. Sadschad und der Anwalt waren Anfang Oktober verhaftet worden, als sie zwei mit Touristen-Visa eingereisten deutschen Journalisten ein Interview geben wollten. Die Reporter werden seither ebenfalls festgehalten. Der Vorwurf der Spionage gegen sie wurde inzwischen fallengelassen. In der Sendung wurden Fotos von ihnen und ihren Pässen gezeigt.

Das Rätselraten um das weitere Schicksal von Mohammadi Aschtiani geht auch nach der düsteren TV-Inszenierung weiter. Zwar behauptete Press TV, dass die 2006 verhängte Strafe der Steinigung, die im Iran nur bei Ehebruch vorgesehen ist, von Anfang an nicht vollstreckt werden sollte. Es habe sich dabei lediglich um "ein symbolisches Urteil gehandelt, das auch nicht von allen Richtern bestätigt wurde", hieß es. Laut Press TV hat die iranische Justiz schon seit 2005 keine Steinigungen mehr vornehmen lassen.

Mit welcher Strafe die Iranerin jetzt rechnen muss, blieb jedoch unklar. Nicht auszuschließen ist, dass Mohammadi Aschtiani der Tod durch den Strang droht, die übliche Hinrichtungsmethode im Iran. Die iranische Botschaft in London hatte Anfang Juli 2010 eine Erklärung veröffentlicht, wonach die Beschuldigte "laut Auskunft der einschlägigen juristischen Einrichtungen im Iran nicht durch Steinigung hingerichtet werde". Menschenrechtsgruppen wiesen freilich sofort darauf hin, dass diese Formulierung die Möglichkeit der Hinrichtung durch eine andere Methode offenlässt. Möglicherweise erhoffte sich Mohammadi Aschtiani durch ihre Mitwirkung an der Propagandasendung eine Begnadigung und eine Umwandlung des Todesurteils in eine langjährige Haftstrafe.

(Rheinische Post)
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