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Irak: Barack Obama vereint die Welt gegen den IS

Analyse : Obama vereint die Welt gegen den IS

Konsequent schmiedet US-Präsident Barack Obama an seiner internationalen Allianz gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat". Besonders die arabischen Partner sind für seine Mission wichtig - auf Deutschland zählt er nicht.

"Von hinten führen", das war drei Jahre lang die Maxime, die Barack Obamas Außenpolitik zu bestimmen schien. Als eine westliche Allianz in Libyen intervenierte, um zunächst die belagerte Rebellenstadt Bengasi vor der Rache Muammar al Gaddafis zu bewahren und schließlich die Kräfte-Balance des Bürgerkriegs zu kippen, da legte der US-Präsident Wert darauf, Briten und Franzosen den Vortritt zu lassen. Amerikanische Militärmacht sollte zwar mit einer ersten Angriffswelle die Wende einleiten, den Rest aber sollten andere erledigen, so sah man es seinerzeit an der Pennsylvania Avenue.

Als ein New Yorker Magazin den Ansatz auf eine Zeile brachte, "leading from behind", war es, als hätte man der Obama-Doktrin ein Etikett aufgeklebt. Noch im Juli umriss Obama sein weltpolitisches Konzept mit den Worten, es gehe vor allem darum, "nichts Dummes zu tun". Es wirkte wie der Schlüsselsatz eines Politikers, dessen Vermächtnis darin bestehen sollte, dass er seinem kriegsmüden Land eine Atempause verschaffte.

Was zwei Monate doch für einen Unterschied machen! Obama gibt seine Passivität mit einer Konsequenz auf, die ihm mancher schon nicht mehr zugetraut hatte. Er bekennt sich zu Amerikas Führungsrolle, wohl schlicht aus der allmählich gereiften Erkenntnis heraus, dass es an belastbaren Alternativen fehlt. Es ist Obama, der die internationale Front gegen die Dschihadisten des "Islamischen Staats" (IS) organisiert. Fast um jeden Preis wollte er vermeiden, in den syrischen Bürgerkrieg hineingezogen zu werden, bis ihn die Aussicht auf ein Terror-Kalifat zwischen Raqqa und Mossul zur Wende zwang. Die Handlungsanleitung, das macht das Weiße Haus ein ums andere Mal klar, liefert nicht etwa George W. Bush, der Präsident der Irak-Invasion des Jahres 2003, sondern George H.W. Bush, der Präsident des Golfkriegs von 1991. Um Saddam Hussein das besetzte Kuwait abzunehmen, schmiedete der ruhige Analytiker eine Allianz, die so breit war, dass sie sogar Parias wie das Syrien des Autokraten Hafez al Assad umfasste.

Ein Schlüsselpartner, damals wie heute, ist Saudi-Arabien. In vielerlei Hinsicht die Wiege des Fundamentalismus sunnitisch-islamischer Prägung, wendet es sich nicht nur gegen den durch den Frust irakischer und syrischer Sunniten genährten IS, sondern steht offen zu seinem Pakt mit den Amerikanern. Das Zusammengehen mit arabischen Partnern verleiht Obamas Allianz die nötige Legitimation in der islamischen Welt. Sie verhindert, dass Propagandisten das Duell als Teil eines epochalen Ringens zwischen Okzident und Orient schrägzeichnen können. Gerade dieses Motiv hat Obama in markanten Sätzen betont, als er in den Vereinten Nationen für seinen Bund warb. Die USA befänden sich nicht im Krieg mit dem Islam, der Islam lehre Frieden. Es ist die politische, die psychologische Komponente der Koalition, auf die es ankommt, im Moment weit mehr als auf die praktische, die sich bisher nur in groben Umrissen erkennen lässt.

In saudischen Wüstencamps will das Pentagon 5000 syrische Oppositionskämpfer ausbilden, eine Guerillatruppe, bei der sich in keiner Weise absehen lässt, wie effektiv sie sein wird. Katar stellt eine Luftwaffenbasis zur Verfügung, Bahrein lässt die 5. US-Flotte, die in dem Inselstaat ihr Hauptquartier hat, von seinen Gewässern aus Raketen abfeuern. Jordanien und die Vereinigten Arabischen Emirate lassen Kampfflugzeuge fliegen, F-16-Jets amerikanischer Bauart. Das Königshaus in Riad veröffentlicht sogar Fotos, die Prinzen der Herrscherfamilie in der Pilotenkanzel zeigen, angeblich gerade zurückgekehrt von Missionen im syrischen Luftraum.

Der zweite regionale Schlüsselstaat, die Türkei, tut sich schwerer, Farbe zu bekennen. Eher vage sicherte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan am New Yorker UN-Sitz zu, dass man die Aktion unterstütze, "entweder militärisch oder logistisch". Der dritte, Iran, steht für das vielleicht delikateste Kapitel der IS-Saga. Eng mit Baschar al-Assad in Damaskus verbandelt, einflussreich in den Reihen des schiitisch dominierten Kabinetts in Bagdad, wittert Teheran seine Chance, Washington Zugeständnisse abringen zu können. Öffentlich verdammen die Ajatollahs die Luftschläge, hinter den Kulissen bieten sie offenbar Hilfe an, sofern ihnen das Weiße Haus beim Verhandlungspoker um das iranische Atomprogramm entgegenkommt. Auf ein solches Junktim kann und will sich Obama nicht einlassen, schon, um Israel nicht zu verprellen.

Schließlich die Europäer. Frankreich, wie schon 2011 im Falle Libyens voranpreschend, hat es bisher dabei belassen, seine Kampfpiloten nur zu Einsätzen im Irak zu beordern. In Bagdad hat die Regierung um Hilfe gebeten, Bombenflüge in Syrien dagegen sind völkerrechtlich problematisch, zumal es keine Resolution des UN-Sicherheitsrats gibt, die sie absegnet. Doch die Dinge sind im Fluss, Pariser Politiker haben bereits einen Schwenk angedeutet. Auch Großbritannien dürfte als wichtiger Faktor dabei sein, sobald das Londoner Unterhaus grünes Licht gibt. Ein Schulterschluss sowohl mit den Briten als auch den Franzosen - aus Obamas Sicht wäre es ein starkes Signal, dass die Dinge diesmal anders liegen als 2003, als sich Bush Junior beim Einmarsch im Zweistromland allein auf den vasallenhaft treuen Tony Blair stützen konnte. Inzwischen haben auch die Niederlande und Belgien bekanntgegeben, sich an den Luftschlägen beteiligen zu wollen.

Auf Deutschland scheint man nicht groß zu zählen. Sieht man es durch die Washingtoner Brille, spielt die Bundesrepublik nur eine Nebenrolle. Als das State Department vor zwei Tagen auflistete, wer was beiträgt zum Anti-Terror-Bündnis, bestand die Rubrik "Deutschland" im Wesentlichen aus einer Randnotiz. Berlin, war in Fettschrift zu lesen, plane die Entsendung von rund 40 Fallschirmjägern, um kurdische Kämpfer im Umgang mit Waffen auszubilden.

(RP)