Indien testet "China-Killer"

Indien testet "China-Killer"

Der erfolgreiche Erstflug einer Langstrecken-Rakete aus indischer Produktion stärkt die Position der südasiatischen Atommacht. Bislang haben offiziell nur die UN-Vetomächte USA, Russland, China, Frankreich und Großbritannien und vermutlich Israel derartige Waffen.

Neu-Delhi Indien schien beinahe trunken vor Stolz. Von einem "historischen Tag" sprachen TV-Sender, von einem "Meilenstein". Politiker, und Militärexperten meinten, die Karten seien nun neu gemischt. Erstmals hat Indien eine atomwaffenfähige Langstreckenrakete eigener Produktion getestet. Wem die nuklearen Muskelspiele vor allem gelten, ist kein Geheimnis: dem übermächtigen Nachbarn China.

Mit einer Reichweite von 5000 Kilometern kann die neue Rakete, die einzelne Medien sogar als "China-Killer" betitelten, fast überall im Reich der Mitte und in Asien einschlagen. Aber auch Ziele in Europa sind erreichbar. Indien steigt damit in den exklusiven Club der Besitzer von atomar bestückbaren Langstreckenwaffen auf.

"Agni V" heißt das Objekt von Indiens Stolz, das ist Hindi und bedeutet Feuer. Die Rakete kann einen Sprengkopf von über einer Tonne Gewicht tragen. Viele Inder sehen Agni V als weiteren Ausweis des Aufstiegs ihres Landes. Die Fernsehsender kannten über Stunden kaum ein anderes Thema.

Immer wieder zeigten sie, wie die Rakete um 8.05 Uhr morgens vom Testgelände auf Wheeler Island vor der ostindischen Küste in den Himmel schießt und später im Meer versinkt. Der Test sei "ein hundertprozentiger Erfolg" gewesen, frohlockte das Verteidigungsministerium. Premierminister Manmohan Singh gratulierte den Wissenschaftlern.

Eine Atommacht ist Indien bereits seit 1974. 1998 zündete das Land – und daraufhin auch der Erzfeind Pakistan – zu Testzwecken jeweils eine Atombombe. Bereits bisher verfügte Indien über Atomraketen (Agni IV), die über 3500 Kilometer weit reichen und damit in ganz Pakistan treffen können.

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Mit Agni V rückt nun ganz China in Reichweite. Umgekehrt können Chinas Raketen bereits heute jeden Ort in Indien erreichen. China reagierte gereizt. Peking hat wohl verstanden, dass Agni V eine Warnung ist. Indien werde einen Rüstungswettlauf verlieren und solle seine Stärke nicht überschätzen, giftete die Staatszeitung "Global Times" und warnte: Delhi schüre nur Feindseligkeit und mache sich zum Helfershelfer des Westens. "Wir sind keine Konkurrenten, sondern Kooperationspartner", gab sich der Sprecher von Chinas Außenministerium, Liu Weimin, etwas sanfter.

Indien verfolgt keine Erstschlagsdoktrin und dürfte sich freiwillig nicht auf einen Krieg mit dem weit überlegenen China einlassen. Bereits 1962 hatte sich das Gandhi-Land bei einer Grenzschlacht eine blutige Nase geholt. Die jetzt geteste Rakete diene lediglich der Abschreckung und der eigenen Sicherheit, versicherte Delhi. Doch Indien lässt keinen Zweifel, dass es ein Gegengewicht zu Chinas Dominanz setzen will, um im Konfliktfall nicht dessen Atomwaffen wehrlos ausgeliefert zu sein.

Experten fürchten daher, dass sich das Wettrüsten zwischen den beiden Giganten Asiens noch verschärft. Beide Länder haben ihre Militärbudgets erhöht: China um fast elf Prozent auf 106 Milliarden Dollar, Indien um 17 Prozent auf mehr als 40 Milliarden Dollar. Indien ist zum größten Waffenimporteur der Welt aufgestiegen.

Die Nato bleibt gelassen, man sehe das demokratische Indien nicht als Bedrohung. Die US-Regierung äußerte sich ähnlich und forderte Indien lediglich zu Zurückhaltung auf. China warf dem Westen daraufhin Doppelmoral vor. Dieser ignoriere, dass Indien Abkommen zur Kontrolle von Atomwaffen nicht unterzeichnet habe. Pakistan reagierte zunächst nicht.

Indien sieht sich von feindlichen Mächten umstellt – im Westen ist das der alte Erzfeind Pakistan, im Norden ist es China. Obwohl sich die Beziehungen zu China entspannt haben, sind beide Länder in vielen Bereichen auch scharfe Rivalen. Immer wieder kommt es zu Spannungen und Grenzkonflikten. Mit Sorge sieht Indien derzeit etwa die Versuche Chinas, seinen Einfluss im Indischen Ozean auszuweiten. Beide Länder konkurrieren auch um Einfluss etwa in Nepal, Sri Lanka, Bhutan oder Birma.

(RP)
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