Indien - der wankende Riese

Analyse : Indien – der wankende Riese

Die Wirtschaft in Indien wächst rasant. Doch für einen Großteil der 1,3 Milliarden Einwohner des Landes gibt es kaum gute Nachrichten. Denn es entstehen bei weitem nicht genügend Jobs.

Der drahtige Mann mit sonnengegerbter Haut sagt: „Ich will arbeiten.“ Der namenlose Tagelöhner aus dem indischen Bundesstaat Bihar hat gerade bei der Parlamentswahl seine Stimme abgegeben. Er sehnt sich nach den Zeiten zurück, in denen sein Leben besser als heute war. „Unter Indira Gandhi”, sagt er dem erstaunten TV-Journalisten in bestem Englisch. Nun sei die Lage nicht gut. „Ich bekomme nicht jeden Tag Arbeit. Und wenn ich nicht arbeite, kann ich nichts essen. Und ohne Essen muss ich schlafen”, erzählt er frustriert.

Indien wählt in diesen Tagen ein neues Parlament. Der hindu-nationalistische Premierminister Narendra Modi stellt sich für gut 900 Millionen Menschen für eine zweite Amtszeit zur Wiederwahl. „Ich will Modi sagen, dass er Arbeit schaffen soll“, sagt der arme Tagelöhner. Er ist nicht allein mit seiner Meinung. Die großen Erwartungen, die viele Wähler hatten, konnte Modi, der vor allem Arbeitsplätze versprach, bei weitem nicht erfüllen. Und dies, obwohl Indiens Wirtschaft boomt.

Im vergangenen Jahr wuchs Indiens Wirtschaft um 7,3 Prozent – und damit rasanter als in China oder jeder anderen großen Volkswirtschaft der Welt. Für die Jahre 2019 und 2020 prognostiziert die Weltbank eine ähnliche Steigerungsrate. Indien hat die siebtgrößte Volkswirtschaft der Welt und soll laut Weltwährungsfond in diesem Jahr Frankreich und Großbritannien überholen, und auf Platz fünf klettern.

Doch die Schwächen der „größten Demokratie der Welt“ sind nicht zu übersehen. Das starke Wachstum hat für die meisten Inder nicht zu mehr Wohlstand geführt. Kurz vor Beginn der Wahl zirkulierte ein vertrauliches Dokument der Regierung, wonach die Arbeitslosigkeit den höchsten Stand seit über 40 Jahren erreicht hat. Forscher der Azim Premji Universität in Bengaluru (Bangalore) haben ausgerechnet, dass das Wirtschaftswachstum von sieben Prozent zu weniger als einem Prozent mehr Beschäftigung geführt hat.

Laut dem Center for Monitoring Indian Economy gingen im vergangenen Jahr elf Millionen Jobs verloren – die meisten in Indiens riesigem informellen Sektor, in dem unter anderem die Armen, Ungebildeten und Frauen Arbeit finden. Gleichzeitig drängen jeden Monat eine Million Inder neu auf den Arbeitsmarkt, denn das südasiatische Land ist jung – zwei Drittel aller Inder sind unter 35 Jahren.

Ein Zeichen für den angespannten Arbeitsmarkt ist der Ansturm auf sichere Jobs im Staatsdienst. Jedes Jahr absolvieren eine Million junge Inder die rigorose Auswahlprüfung für Elitebeamte, obwohl die Chancen auf eine Beschäftigung verschwindend gering sind. Denn nur etwas mehr als 900 Kandidaten werden jährlich aufgenommen. Ein weiteres Beispiel: Als die indische Eisenbahn nach einem Einstellungsstopp im vergangenen Jahr wieder freie Stellen ausschrieb, bewarben sich gut 28 Millionen Inder auf die 90.000 Stellen.

Trotz der Wirtschaftsreformen Ende der 90er Jahre klebt Indien weiter an sozialistischen Strukturen. Protektionismus wird groß geschrieben. Es gibt nur wenig Wettbewerb, und die Hürden für ausländische Firmen sind hoch. Bei den indischen Unternehmen dominieren zudem große Konglomerate wie Tata, Birla oder Reliance die Szene. Sie gelten allesamt als konservativ und risikoscheu.

„Made in India“, die ehrgeizige Kampagne von Regierungschef Modi, Indiens Industrieproduktion anzukurbeln, ging nicht auf. Im Gegenteil: Indiens Industriesektor schrumpft weiter und lag 2017 nur noch bei 15 Prozent des Bruttoinlandproduktes. Gleichzeitig fielen die Neuinvestitionen in den vergangenen Jahren.

Weil die inländischen Firmen Risiken meiden, versucht die Regierung ausländisches Kapital anziehen, um die Lücke zu füllen. Doch auch hier ist die Entwicklung negativ. Die ausländischen Investitionen, die unter Modi einen Rekordstand erreichten, sinken inzwischen wieder, nachdem andere Länder in Asien wie Vietnam oder Burma für ausländische Firmen attraktiver geworden sind und Indien den Rang ablaufen.

Indiens Wirtschaftswachstum geht jedoch nicht nur an der Mehrheit der Bevölkerung vorbei. Der sorglose Umgang mit knappen Ressourcen wie Wasser und Land verstärkt noch die Misere. In manchen Teilen des Landes muss zur Versorgung der Menschen nach Wasser gebohrt werden, fast wie nach kostbaren Diamanten. Gleichzeitig gehen in den Städten etwa 40 bis 50 Prozent des Leitungswassers unnötig verloren, weil die Wasserleitungen alt und undicht sind.

Indiens Landwirtschaft, der Sektor, der weiterhin die Hälfte der Menschen im Land beschäftigt, leidet unter zunehmender Trockenheit des Klimas und sinkender Produktivität. Im vergangenen Oktober protestierten Zehntausende Bauern in der Hauptstadt Neu-Delhi für bessere Lebensbedingungen. Indien hat 70 Millionen Hektar künstlich bewässertes Land, doch dies wird fast ausschließlich mit veralteten Methoden bewässert, die viel Wasser und Elektrizität verbrauchen. Wegen der Ernteausfälle und zu hoher Schulden begehen in jedem Jahr Hunderte Bauern Selbstmord.

Nicht nur die Landbevölkerung leidet. Indiens neue Städte wachsen ohne Plan und Methode. Dies hat fatalen Folgen: Verkehrschaos, fehlende Infrastruktur und desolate Strom- und Wasserversorgung sind Alltag. Auch die Luftverschmutzung ist ein riesiges Problem. Wer in der Hauptstadt Neu-Delhi lebt, verkürzt sein Leben im Schnitt um zehn Jahre.

Indiens Wähler haben somit wenig gute Aussichten, dass sich in ihrer Heimat nach den Parlamentswahlen irgendetwas grundlegend ändert. Auch für den drahtigen Mann mit der sonnengegerbten Haut nicht, der doch nur arbeiten möchte.

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