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Erfurt: In Thüringen könnte bald ein Linker regieren

Erfurt : In Thüringen könnte bald ein Linker regieren

Die Chancen für Rot-Rot-Grün unter dem 58-jährigen West-Import Bodo Ramelow stehen gut.

Bodo Ramelow hat wie jeder prominente thüringische Politiker seinen WM-Tipp abgegeben: "Deutschland schafft's im Finale gegen Italien." Demoskopen und Wahlkampfbeobachter tippen etwas Anderes: "Ramelow wird nach der Landtagswahl in Thüringen am 14. September erster Ministerpräsident der Linkspartei." Der 58-Jährige Spitzenkandidat und Linken-Fraktionschef im Landtag von Erfurt sagt zu diesen Aussichten: "Erster linker Ministerpräsident? Ich würde daraus keine große Sache machen. Vor mir muss man keine Angst haben." Das Problem der aufgeschreckten, seit einem Vierteljahrhundert regierenden Landes-CDU ist: In Thüringen hat tatsächlich, anders als noch vor der Wahl 2009, kaum jemand Angst davor, dass ab Herbst unter einem linken Nicht-Umstürzler Bodo Ramelow in Erfurt, Weimar und Jena die Revolution ausbräche.

Die CDU, die in allen Umfragen aus diesem Jahr auf Platz eins - zwischen 36 und 38 Prozent - liegt, plagt die Sorge, dass sie in drei Monaten zwar Sieger, aber nicht Gewinner der Wahl sein könnte, weil ein rot-rot-grünes Bündnis aus Linkspartei, SPD und Grünen die neue Landesregierung bildet.

Die Linke liegt derzeit zwischen 25 und 28 Prozent; die SPD mit ihrer wenig bekannten Spitzenkandidatin und Sozialministerin Heike Taubert rangiert zwischen 17 und 20 Prozent; für die Grünen werden fünf bis sechs Prozent ermittelt. Die "Alternative für Deutschland" (AfD) schwankt zwischen vier und fünf, die FDP um zwei Prozent.

Für Ramelow, der in Niedersachsen geboren wurde und im Hessischen als kaufmännischer Angestellter und Gewerkschaftssekretär gearbeitet hat, fügt es sich günstig, dass die SPD die große Koalition unter CDU-Regierungschefin Christine Lieberknecht gerne gegen ein Bündnis unter dem "demokratischen Sozialisten" (Ramelows Selbstbeschreibung) tauschen würde. 2009 scheute SPD-Landeschef Christoph Matschie noch eine rot-rot-grüne Koalition unter Führung der Linkspartei. Zwar heißt es selbst bei der CDU, dass der ehemals linke Poltergeist Ramelow politisch gereift sei; aber dessen Problem seien alte Stasi-Figuren, die den Weg von der SED über die PDS zur Linkspartei bis heute unbeschadet zurückgelegt haben. An dem weichgespülten Ramelow, der sich mit Christine Lieberknecht duzt und sich in einigen landespolitischen Angelegenheiten sogar eine Kooperation mit der Union vorstellen kann, mag sein knurrender Hund "Attila" das Gefährlichste sein. Aber der Geruch der alten Stasi-Kader hinter dem bekennenden Legastheniker und guten Parlamentsredner Ramelow sticht manch wackerem Sozialdemokraten in der Nase.

Die Thüringer favorisieren die Fortsetzung der großen Koalition. Sie präsentiert diese Bilanz: Das Land hat eine geringere Erwerbslosen-Quote (7,8 Prozent) als NRW und einen ausgeglichenen Haushalt.

(RP)