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Kolumne Politisch Inkorrekt: In Russland weht weiter der Wind der Veränderung

Kolumne Politisch Inkorrekt : In Russland weht weiter der Wind der Veränderung

Wenige Wochen vor den Olympischen Winterspielen rückt Russland stärker in den Fokus der Öffentlichkeit: Amnestie für Chodorkowski, Terroranschläge, imperiale Machtspielchen um die Ukraine. Doch Putins Reich hat eine Chance verdient.

In der guten alten Zeit, als der Kalte Krieg noch heiß war, gab es keine Orientierungsprobleme. Wir, der Westen, die USA und die Westalliierten, waren die Guten. Und die Sowjets samt Warschauer-Pakt-Staaten waren die Bösen. Das war einfach zu kapieren, denn die Machthaber in Moskau bemühten sich nach Kräften, unserem Weltbild zu entsprechen. Wurde irgendwo im eigenen Herrschaftsbereich aufgemuckt, rollten die Panzer. Und zu frisch waren die Erinnerungen der Kriegsgeneration an Vertreibung und Massenvergewaltigungen nach einem furchtbaren Krieg, in dem freilich auch Russland Millionen Opfer zu beklagen hatte. Mein Vater verbrachte drei Jahre seines Lebens als Kriegsgefangener in Sibirien unter schlimmsten Bedingungen. Noch als Kind hörte ich ihn oft sagen: "Man könnte mir 10 000 Mark schenken, aber niemals würde ich wieder nach Russland gehen." Erst mit Gorbatschow geriet seine Sicht etwas ins Wanken, dem er zwar nicht traute, der ihn aber doch beeindruckte.

Heute stelle ich erstaunt fest, dass selbst viele Konservative geradezu mit Milde über Russlands Staatschef Wladimir Putin urteilen. Sei es die knallharte Machtpolitik, die der ehemalige KGB-Offizier einsetzt, um die Ukraine von der EU fernzuhalten; sei es der Umgang mit Regimekritiker Chodorkowski und der politischen Opposition im Land — immer mehr Menschen bei uns entwickeln Verständnis für die Probleme Putins mit der Herkulesaufgabe, aus seinem Land so etwas wie eine Zivilgesellschaft zu machen. Sicher trägt auch klammheimliche Freude dazu bei, dass er den USA mit Asyl für den Überläufer Snowden oder in der Syrien-Frage Grenzen aufgezeigt hat.

Russland ist ein Land im Übergang, militärisch die Weltmacht Nr. 2, die eine führende Rolle auf der Weltbühne beansprucht. Das größte Land auf dem Planeten, reich an Bodenschätzen, aber mit vielen Problemen im Innern, sozialen Spannungen, Korruption und — wie wir — immer auch bedroht durch islamistischen Terror, wie wir jüngst gesehen haben. Es ist ein paar Jahre her, als ich zuletzt in Russland war. Ich habe da viele herzliche und gastfreundliche Menschen kennengelernt. Alte Frauen, die sich aufrichtig freuten, dass Jahrzehnte nach Kriegsende junge neugierige Deutsche zu Besuch kamen. Wenn ich heute an Russland denke, dann fallen mir nicht mehr zuerst Panzer und Kalaschnikows ein, sondern die großen Schriftsteller und schwermütige Lieder. Ich denke, die Zeit der Konfrontation sollte vorbei sein. Unser Platz im Westen steht nicht zur Disposition. Doch erkennen wir an, dass Russland ein echter Partner werden kann.

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(RP)