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Analyse: In NRW machen 59 Prozent Abitur

Analyse : In NRW machen 59 Prozent Abitur

Die Qualität der Schulen in Deutschland verbessert sich nur langsam. Nach wie vor hängt der Bildungserfolg der Kinder stark vom Hintergrund der Eltern ab. Die Unterschiede in den Bundesländern sind groß.

Der Pisa-Schock sitzt immer noch tief. Doch trotz der vielen internationalen Analysen, die in Deutschland seit der ersten großen Schulstudie unternommen werden, geht die Reform des Systems nur langsam voran. Erfolge werden nach und nach sichtbar. Diesen Trend zeigt auch der "Chancenspiegel", der alle zwei Jahre im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung von Wissenschaftlern erstellt wird. Beispielsweise ist die Zahl der jungen Menschen ohne Schulabschluss erneut gesunken und liegt im Bundesdurchschnitt derzeit noch bei 6,2 Prozent. Nordrhein-Westfalen steht mit 5,7 Prozent Schulabbrechern sogar noch etwas besser da. Dieser Wert gilt als zentrale Größe, da er eben auch über die Chancen einer Generation auf einen auskömmlichen Beruf Auskunft gibt.

Die Deutschen stehen seit der ersten Pisa-Studie, die im Herbst 2001 veröffentlicht wurde, international in der Kritik, weil der Bildungserfolg von Kindern stark vom Hintergrund des Elternhauses abhängt. Je mehr Bücher Mutter und Vater zu Hause im Regal stehen haben, desto bessere Leistungen zeigen die Kinder in der Schule — dieser Zusammenhang ist für Deutschland wissenschaftlich nachgewiesen. Das Problem ist erkannt; ein wirksames Mittel, die Kinder aus bildungsfernen Schichten gezielt zu fördern, allerdings bislang nicht gefunden. "Insgesamt geht es mit der Chancengerechtigkeit eher im Schneckentempo voran", sagte Jörg Dräger von der Bertelsmann-Stiftung.

NRW liegt im Ländervergleich im Mittelfeld, was die Unterschiede in der Lesekompetenz von Kindern aus bildungsschwachen und bildungsstarken Haushalten angeht. Bei der sozialen Durchlässigkeit des Bildungssystems liegt NRW im unteren Drittel.

Bundesweit spitze ist Nordrhein-Westfalen hingegen beim Thema Abitur. 59 Prozent eines Jahrgangs erhalten im bevölkerungsreichsten Bundesland eine Zugangsberechtigung zum Studium. Zum Vergleich: In Sachsen-Anhalt sind es gerade einmal 37 Prozent. In NRW nutzen die jungen Leute offenbar auch vielfach die Möglichkeit, an beruflichen Schulen ihre Zugangsberechtigung zur Hochschule zu erwerben. Denn nach der Grundschule wechseln zunächst nur rund 41 Prozent aufs Gymnasium. Dieser Wert liegt leicht unter dem Bundesdurchschnitt, der 42 Prozent beträgt.

NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) sieht ihre Politik durch den "Chancenspiegel" bestätigt. "Wir müssen weiterhin systematisch und konsequent daran arbeiten, dass alle Kinder und Jugendlichen die gleichen Chancen haben", sagte sie. Nordrhein-Westfalen sei mit dem Ausbau des Ganztags und den Schulen des längeren gemeinsamen Lernens, die die Bildungswege länger offenhielten, "auf einem guten Weg zu mehr Chancengerechtigkeit".

Entscheidend für mehr Chancengerechtigkeit sind aus Sicht von Wilfried Bos, dem Direktor des Instituts für Schulentwicklungsforschung an der Uni Dortmund, die Qualität des Unterrichts und die individuelle Förderung aller Schüler.

Auch die Ganztagsschule gilt in der Fachwelt als gute Möglichkeit, den Einfluss der sozialen Herkunft zu verringern. Deutschland hält als einzige Industrienation neben Österreich überhaupt noch Schulunterricht halbtags ab. Allerdings geht der Ausbau der Ganztagsschulen nur sehr schleppend voran. "Wenn sich der Ausbau der Ganztagsschulen nicht beschleunigt, dauert es noch mehr als 50 Jahre, bis für alle Kinder genug Plätze vorhanden sind", erklärte Dräger.

Haupthemmnis für den Ausbau der Ganztagsschulen sind die Kosten. Eine Mehrheit der Eltern von 70 bis 80 Prozent favorisiert mittlerweile den Unterricht bis in den Nachmittag hinein, wie auch eine Studie des Meinungsforschungsinstituts Emnid zeigt. Auch die Kultusminister der Länder würden gerne mehr Ganztagsschulen schaffen. Dafür aber müssten die Schulen umgebaut, Kantinen eingerichtet und mehr Personal finanziert werden.

Der Schlüssel für den Ausbau der Ganztagsschulen liegt beim Bund. Derzeit darf er den Ländern kein Geld für Investitionen in die Schulen geben, selbst wenn er es zur Verfügung hätte. Denn 2007 wurde das sogenannte Kooperationsverbot im Grundgesetz verankert, das eine Zusammenarbeit zwischen Bund und Ländern verbietet. Mittlerweile dämmert der Mehrheit der Bildungspolitiker jedoch, dass diese Änderung der Verfassung eine verrückte Idee war. Immer mehr Experten fordern, abermals eine Zweidrittelmehrheit des Bundestags zusammenzutrommeln, um das Grundgesetz wieder so zu formulieren, dass alle sinnvollen Investitionen in die Bildung getätigt werden können.

Wenn es um die Frage geht, wie die Qualität der Schulen weiter verbessert werden kann, steht auch der Bildungsföderalismus immer wieder in der Kritik. Die Eigenständigkeit der Länder in der Bildungspolitik beschert uns 16 verschiedene Schulsysteme mit rund 100 verschiedenen Schularten und einem chronischen Geldmangel. Die Etablierung einheitlicher oder zumindest vergleichbarer Standards ist immer wieder ein zäher politischer Prozess, der sich über viele Jahre erstreckt.

Im Idealfall lernen die Länder im Bildungsföderalismus voneinander. In der Realität war die Schulpolitik aber Jahrzehnte von ideologischen Auseinandersetzungen geprägt. Mit jedem Regierungswechsel in einem Land wurden den Schulen neue Reformen übergestülpt — auf Kosten und nicht zugunsten der Qualität. Mit Veröffentlichung der Pisa-Studien setzte sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass es weniger auf die Frage der Schulform ankommt als vielmehr auf die individuelle Förderung der Kinder. Damit haben sich die harten ideologischen Auseinandersetzungen um die Bildung beruhigt.

(qua)