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Calgary: In Kanada bangen 70 000 Gastarbeiter

Calgary : In Kanada bangen 70 000 Gastarbeiter

Nach dem Ende des Wirtschaftsbooms droht vielen Ausländern die Ausweisung.

Stephan Biletzki ist ein Bürger, wie ihn sich jedes Land nur wünschen kann. Der Kellner aus Berlin arbeitet in einem Hotel in den kanadischen Rocky Mountains, ist dort beliebt und anerkannt. Er gilt als fleißig, unbescholten und talentiert, weswegen er zuletzt von seinem Arbeitgeber zum Mitarbeiter des Jahres gekürt wurde. In seinem Wohnort Jasper ist Biletzki bestens integriert. Fast acht Jahre lebt Biletzki schon hier und fühlt sich längst als Einheimischer: "Jasper ist mein Zuhause, und Kanada ist meine Heimat."

Doch vor ein paar Tagen hat Biletzki seine Koffer gepackt, seine Möbel verkauft, den Job gekündigt und ein Flugticket nach Berlin gebucht. Am 1. April lief seine Arbeitsgenehmigung aus, und der 35-Jährige musste sich darauf einrichten, Kanada zu verlassen - gegen seinen Willen. Wie Biletzki geht es dieser Tage rund 70 000 Gastarbeitern in Kanada. Sie sitzen auf gepackten Koffern zwischen Hoffen und Bangen und wissen oft nicht, wie es mit ihnen weitergeht. Zu Boomzeiten hatte die Regierung sie geholt - nun schickt sie sie zurück in ihre Heimat.

"Es ist unsere Politik, dass Kanadier den ersten Zugriff auf kanadische Jobs haben sollten", erklärte Arbeitsminister Pierre Poilievre. Die Betroffenen hätten gewusst, dass ihre Zeit in Kanada befristet sei, sagte der Politiker und warnte sie davor, illegal im Land zu bleiben.

Im Ausland wird das Einwanderungssystem Kanadas oft als vorbildlich eingestuft, und tatsächlich tut das Land viel, um hochqualifizierte Zuwanderer zu gewinnen und zu integrieren. Dabei wird allerdings oft übersehen, dass in Kanada auch viele gering qualifizierte Gastarbeiter leben, ohne einen sicheren Aufenthaltsstatus zu haben.

Hilfsorganisationen schätzen die Zahl dieser "Temporary Foreign Workers" auf über 350 000. Viele arbeiten in schlecht bezahlten Jobs im Dienstleistungsgewerbe: in Hotels, Gaststätten, Fast-Food-Restaurants, in der Landwirtschaft. Sie übernehmen Aufgaben, für die kein Kanadier zu finden ist. Die meisten Gastarbeiter dürfen maximal vier Jahre bleiben. Einst konnten sie ihr Visum erneuern, mittlerweile ist das nicht mehr möglich.

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Auch Stephan Biletzki hatte längst alle Hoffnung aufgegeben. Er stand schon am Flughafen, als sein Handy plötzlich blinkte: eine E-Mail von der Einwanderungsbehörde. Der Berliner darf ein weiteres Jahr in Kanada bleiben - vorläufig.

(RP)