1. Politik

In den Ferien werden viele Tiere behandelt wie störende Dinge

Ausgesetzt in den Ferien : Brauchen wir einen Haustier-Führerschein?

In der Ferienzeit wollen manche Leute ihre Haustiere loswerden – und behandeln sie wie ausrangierte Gegenstände. Solches Verhalten hat auch gesellschaftliche Ursachen. Wären Tier-Führerscheine die Lösung?

Kaninchen Oliver hockte in einem Käfig am Straßenrand, verwahrlost, seine Wasserflasche veralgt, abgestellt wie Sperrmüll. Auf dem Käfig lag ein Zettel: „Geschenk“ stand darauf. „Entsorgt“ hätte es eigentlich heißen müssen.

In der Ferienzeit mehren sich solche Fälle akuter Herzlosigkeit. Menschen wollen ungehindert Urlaub machen oder sind ihre Haustiere ohnehin leid. Dann werden Hunde an Parkplätzen festgebunden, Kaninchen an den Straßenrand gestellt, Katzen bei eBay-Kleinanzeigen verschenkt. Egal an wen, Hauptsache, der Haustiger ist weg, ehe der Flieger abhebt. Gemeinsam ist solchen Haltern, dass sie im Tier anscheinend kein Lebewesen mehr sehen, sondern eine Sache. Etwas, das man loswerden kann, wenn es stört. Etwas, das keine Ansprüche hat – etwa auf ein Minimum an Verantwortung. Etwas, dessen Versorgung man unterschätzt hat.

Nun gibt es Appelle genug, keine Haustiere anzuschaffen, ohne sich die Folgen genau zu überlegen. Jeder weiß, dass Hunde Gassi gehen, dass Katzenklos gereinigt, Kaninchentränken befüllt werden müssen. Um mal beim Allernötigsten zu beginnen. Natürlich bedeutet Verantwortung für ein Tier sehr viel mehr. Dazu gehört, sich über die spezifischen Bedürfnisse des Tiers zu informieren, ihm ein artgerechtes Umfeld zu verschaffen und das mit dem eigenen Alltag in Einklang zu bringen.

Tiere kosten Zeit. Tiere kosten Geld. Wenn alles gut läuft, hat man Gefährten fürs Leben. Aber das ist kein Selbstläufer. Auch erzieherische Anstrengungen sind also gefragt. Doch das alles sind theoretische Erkenntnisse, die sich noch dazu auf etwas beziehen, das erst in Zukunft eintritt. Erst, wenn das Tier angeschafft ist. Ausmalen kann man sich viel. Es bedarf also einer gewissen Abstraktionsfähigkeit, sich die Konsequenzen eines Tierkaufs klar zu machen. Und gegen einen anderen Impuls abzuwägen, der heute teils übermächtig geworden ist: gegen das Habenwollen.

Abstrakt zu denken und seine Impulse im Griff zu haben, sind Fähigkeiten erwachsener Menschen. Wie die alljährliche Aussetzeritis bei Haustieren zeigt, gibt es anscheinend aber eine Menge unerwachsener, man könnte auch sagen, kindischer Tierbesitzer. Sie erliegen ihren Vorstellungen, wie schön es wäre, den perfekt gehorchenden Hund, die immer friedlich schnurrende Katze, das verschmuste Kaninchen zu besitzen. Wie wenig das dem Naturell der Tiere entspricht, wie viel Mühe es also kostet, sich auf das Leben mit Tier einzustellen, kommt nicht in den Sinn. Oder wird abgetan. Andere machen es schließlich auch. Schon hocken Kaninchen allein im Käfig im Kinderzimmer, obwohl sie Gefährten benötigen oder der komplizierte Dalmatiner ist angeschafft, weil er so lustige Punkte hat.

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Durch Appelle ist dem anscheinend nicht zu begegnen. Es mangelt auch kaum an Informationen über Ansprüche und artgerechte Haltung der gängigen Haustiere. Für größere Hunde muss man in NRW einen Sachkundenachweis erbringen, für gefährliche Rassen sowieso. In anderen Bundesländern gibt es nicht mal diesen Hundeführerschein, geschweige Prüfungen für andere Tiere. Doch ist es womöglich auch der falsche Reflex, mit Prüfungen und Nachweisen etwas erzwingen zu wollen, das Selbstreflexion voraussetzt: eine aufgeklärte Haltung zum Tier.

Das bleibt eine gesellschaftliche Aufgabe. Und zwar eine komplexe, so unbefriedigend das ist. Denn es geht darum, immer wieder darauf aufmerksam zu machen, was Voraussetzung für Tierwohl ist. Welche Ansprüche mit der Haltung von Hunden, Katzen, Meerschweinchen verbunden sind. Dass man also beim Kauf eines Tiers zwar Geld bezahlt wie bei jeder x-beliebigen Anschaffung, aber ein Lebewesen bekommt. Und damit ungefragt jede Menge Verantwortung dazu.

Beliebte Tiersendungen, in denen es oft auch um Erziehungsfragen geht, können da einen Beitrag zur Bewusstmachung leisten. Genauso wichtig sind die Tierhalter – wenn sie ehrlich erzählen, wie viel Arbeit ein Tier bereitet, was toll ist am Leben mit ihnen, was aber auch anstrengend. Wir leben in einer freien Gesellschaft, in der man verantwortungslose Tierkäufe kaum verhindern kann. Und auch in einer Gesellschaft, in der das Vergleichen eine starke soziale Macht ist. Darum können Moden entstehen wie die Hundeanschaffung während der Corona-Zeit. Es bleibt also eine Gemeinschaftsaufgabe, das Bewusstsein für die Ansprüche der Lebewesen Haustier hochzuhalten. Damit möglichst wenig Menschen auf die Idee kommen, man könne Kaninchen einfach an den Straßenrand stellen wie ein altes Regal – und sich das auch noch als „Geschenk“ verkaufen.