In den Fängen des KGB

In den Fängen des KGB

Neun Stunden lang wurde Doris Heimann, Korrespondentin unserer Zeitung, vom weißrussischen Geheimdienst festgehalten und verhört. Das Regime von Präsident Alexander Lukaschenko herrscht mit Willkür und Repression. Ein Erfahrungsbericht aus der letzten Diktatur Europas.

Minsk Die Freiheit endet auf einer Waldstraße kurz hinter dem weißrussischen Dorf Bywalki. Ein olivgrüner Militärkleinbus parkt am Straßenrand, zwei Männer in Tarnuniformen stehen auf der Fahrbahn. Einer senkt die Kelle: anhalten. "Wohin wollen Sie?", fragt ein junger Grenzpolizist. "Nach Komarin." Das sei grenznahes Gebiet, dafür bräuchten wir einen Passierschein. "Haben wir nicht." – "Ihre Pässe!", sagt der Grenzer und verschwindet damit im Minibus.

Mein Kollege vom Deutschlandfunk und ich sind unterwegs in Weißrussland. In der Fall-Out-Zone von Tschernobyl, nahe der ukrainischen Grenze, wollten wir im Dorf Komarin eine Reportage machen. Doch nun schmoren wir seit einer Stunde am Checkpoint. Endlich kommt einer der Grenzer ans Auto. "Jetzt kommen unsere Vorgesetzten und entscheiden, was mit Ihnen geschieht." Wenig später braust ein Militärjeep heran. Ein Leutnant springt heraus, dann mehrere Männer in Zivil, durchtrainiert, schwarze Jacken und Jeans. Vermutlich nicht nur Grenzer, sondern Mitarbeiter des weißrussischen KGB. Nach einer weiteren Stunde kommt der Leutnant zu uns. "Sie sind festgenommen! Sie kommen jetzt mit auf die Wache nach Lojew." Eskortiert von dem Minibus und dem Jeep machen wir uns auf den Weg.

Lojew: Windschiefe Holzhäuser in sumpfigem Boden, auf Brachflächen rotten Maschinenwracks vor sich hin. Am Rande dieses Elends thront die Grenzwache wie eine Festung. Ein modernes zweistöckiges Gebäude, umgeben von einer hohen Mauer. Ein schweres Eisentor fährt zur Seite, im Hof warten Wachsoldaten mit Schäferhunden. Das Tor schließt sich hinter uns.

Leutnant Oleg Sinjakow braucht sein ganzes intellektuelles Potenzial, um unsere Personalien aufzunehmen. Fehlt nur noch, dass er beim Schreiben die Zungenspitze herausstreckt. "Wir haben das Recht, Sie hier bis zu 72 Stunden festzuhalten!" Unter Mühen füllt er sein Formular fertig aus. "Ich bringe sie jetzt zum Verhör!" Im Verhörzimmer warten vier Männer in Zivil: ein Pausbäckiger mit rötlichen Stoppelhaaren, ein Dünner mit langer Nase, ein Glatzkopf mit Siegelring und Schnabelschuhen und ein junger Blonder im blauen V-Ausschnitt-Pulli. "Major Pawel Koita", stellt der Blonde sich vor. Er hat blaue Augen und ein Putin-Gesicht.

Die Situation hier ist unangenehm, die Typen sind ekelhaft. Aber Angst habe ich nicht. Sie haben nichts gegen mich in der Hand. Meine Papiere sind in Ordnung. In der Grenzzone befanden wir uns unwissentlich, wir waren gerade mal 400 Meter hineingefahren.

In jedem normalen Staat hätte man uns zurückgeschickt – fertig. Anders in Weißrussland: Das Verhör zieht sich stundenlang hin. Immer wieder die gleichen Fragen. Am Ende unterschreibe ich das Protokoll meiner Aussage. Es ist halb zehn abends. Seit 16.40 Uhr befinden wir uns in der Gefangenschaft von Lukaschenkos Grenzern. Und es ist noch lange nicht Schluss. "Gleich kommen drei Beamtinnen zur Leibesvisitation", sagt der Major. Ich werde abgetastet, muss alle Taschen leeren, Kamera, Notizblock, Geld, Kreditkarten, Handy abgeben.

Dann erstellen sie ein Protokoll aller Habseligkeiten. "Damit Sie sich nicht beschweren, dass etwas fehlt, wenn Sie es zurückerhalten." In diesem Moment frage ich mich zum ersten Mal, ob sie mich nicht doch in eine Zelle sperren werden.

Es geht auf Mitternacht. Plötzlich rennen die Offiziere hastig über den Korridor. Der Oberchef ist da: ein breitschultriger Dicker in schwarzer Uniform. Sein Gesicht ist gerötet, die Uniform sitzt nicht korrekt. Er begrüßt die Untergebenen.

Es ist ein Uhr nachts, als der Dicke theatralisch ins Zimmer stapft. Kurzatmig baut er sich hinter dem Schreibtisch auf: "Korvettenkapitän Deschko, Alexander Michailowitsch." Er riecht nach Schnaps, Zigaretten und Zwiebeln. Er blättert in den Papieren. "Ich habe mich entschlossen, Sie mit einer Verwarnung freizulassen", verkündet er grinsend. Ich darf meine Sachen packen und gehen. Auf dem Flur warten mein Kollege vom Deutschlandfunk und unser Fahrer. Kapitän Deschko lässt es sich nicht nehmen, uns persönlich zum Auto zu begleiten. Zum Abschied schüttelt er uns die Hand. "Wenn Sie noch mal in dieser Gegend sind – ich helfe Ihnen gerne mit dem Passierschein." Unser Auto fährt vom Hof.

Der dicke Kapitän steht im Schnee und sieht uns nach. Es fehlte nicht viel, und er hätte gewinkt.

(RP)
Mehr von RP ONLINE