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Impfung von Kindern ab 12 Jahren vor neuem Schuljahr angepeilt

Biontech hofft auf Zulassung : Impfung von Kindern ab zwölf Jahren vor neuem Schuljahr angepeilt

Im Kampf gegen die dritte Corona-Welle könnte sich eine erste leichte Entspannung andeuten. Von Trendwende sprechen wollen Regierung und Experten aber nicht - und werben auch beim Impfen noch um Geduld. Für Kinder und Jugendliche könnte es bald losgehen.

Für Kinder, Jugendliche, Eltern und die Beschäftigten in Schulen und Kitas ist das eine gute Nachricht: Möglicherweise können sich alle Personen ab zwölf Jahren bereits vor dem neuen Schuljahr gegen Corona impfen lassen. Das stellten der deutsche Impfstoffhersteller Biontech und sein US-Partner Pfizer in Aussicht, in Kürze wollen sie die Zulassung ihres Vakzins für Kinder von zwölf bis 15 Jahren in der EU beantragen. Das teilte eine Biontech-Sprecherin am Donnerstag mit. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn ging davon aus, dass im Falle einer Zulassung Kinder dieser Altersgruppe eine erste Immunisierung spätestens in den Sommerferien bekommen könnten. „Stand heute, wenn nichts Ungewöhnliches passiert“, sagte der CDU-Politiker am Donnerstag in Berlin.

Die Prüfung eines Zulassungsantrags für Corona-Impfstoffe bei der EMA dauert in der Regel wenige Wochen. Bislang ist in Deutschland kein Impfstoff für Kinder unter 16 Jahren zugelassen. Für Kinder und Jugendliche müssen Pharmazeutika gesondert angepasst werden, da ihr Organismus nicht nach dem Prinzip „kleine Erwachsene“ funktioniert. Deshalb sind eigene Studien auch vor einer Impfstoff-Zulassung nötig. Parallel dazu läuft die klinische Studie von Biontech und Pfizer zur Wirkung und Sicherheit ihres Corona-Impfstoffs bei Kindern zwischen sechs Monaten bis einschließlich elf Jahren weiter. Biontech gehe davon aus, dass belastbare Daten daraus bis September verfügbar sein werden. 

Bei Kindern nähmen die Infektionzahlen deutlich zu, sagte RKI-Präsident Lothar Wieler am Donnerstag. „Kinder tragen auf jeden Fall zum Infektionsgeschehen bei.“ Langzeitfolgen, die es auch bei Kindern gebe, dürfe man nun bei der Risikobewertung nicht aus dem Blick verlieren. Die wöchentliche Inzidenz liegt aktuell zwischen 141 Fällen bei den Allerjüngsten bis vier Jahre und 260 bei den 15- bis 19-Jährigen, jeweils gerechnet auf 100.000 Einwohner. Bei den älteren Teenagern sind das die höchsten Inzidenzwerte überhaupt in einer Altersgruppe. Bei 10- bis 14-Jährigen liegen sie aktuell laut RKI bei 234 pro 100.000 Einwohner.

Spahn verwies am Donnerstag auf positive Anzeichen in den Inzidenzzahlen seit zwei bis drei Tagen. Dies sei aber noch kein Trend. „Es gibt Hoffnung“, sagte Spahn. „Aber es gibt noch keine Entwarnung in dieser Phase der Pandemie.“ Inzwischen haben mehr als ein Viertel aller Bundesbürger – nämlich 25,9 Prozent – mindestens eine erste Spritze erhalten, wie Spahn sagte. Den vollen Schutz mit einer Zweitimpfung haben 7,5 Prozent. Am Mittwoch seien 1,1 Millionen Menschen geimpft worden und damit erstmals mehr als ein Prozent der Bevölkerung an einem einzigen Tag.

Die Kommunen begrüßten die Perspektive für eine Impfung von Jugendlichen und wollen diese über die Haus- und Kinderärzte abwickeln. „Es ist ein wichtiges Hoffnungssignal, dass zukünftig auch Kinder ab 12 Jahren geimpft werden können. Dies ist auch deshalb von besonderer Bedeutung, da die jetzt grassierende Mutante B117 offenbar verstärkt auch jüngere Personen unter 18 Jahren erfasst“, sagte Gerd Landsberg, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebundes. „Die Durchführung der Impfungen sollte möglichst durch die Haus- und Kinderärzte organisiert werden“, sagte er. Zugleich verwies Landsberg auf Impfschwerpunkte, die es jetzt brauche. „In sozialen Brennpunkten ist es wichtig, die dort lebenden Menschen gezielt zu informieren und mehrsprachige Informationen zur Impfung zur Verfügung zu stellen“, sagte er. „Zudem sollten die Menschen bei der Wahrnehmung ihrer Impftermine unterstützt werden. Eine Priorisierung und damit ein Abweichen von der Impfreihenfolge halten wir derzeit nicht für zielführend.“ Gerade in Ballungsräumen sei die Mobilität zwischen Stadtteilen aus unterschiedlichen Gründen sehr hoch. „Die Auswirkungen von Priorisierungsimpfungen einzelner Stadtteile würden auch nur mit einigem Zeitverzug sichtbar, abhängig vom genutzten Impfstoff“, sagte Landsberg.

Auch bei den Intensivmedizinern ist die Debatte um ein verstärktes Impfen in einzelnen Stadtteilen ein Thema. „Auf den Intensivstationen liegen überdurchschnittlich viele Menschen aus ärmeren Bevölkerungsschichten, Menschen mit Migrationshintergrund und sozial Benachteiligte“, sagte der wissenschaftliche Leiter des Divi-Intensivregisters, Christian Karagiannidis, unserer Redaktion. „Um diese Menschen besser zu schützen und die Intensivstationen zu entlasten, sollten alle Bürgermeister und Gesundheitsämter mobile Impfteams in die sozialen Brennpunkte ihrer Städte schicken. Das würde eine Menge bringen, denn das Impftempo ist derzeit vielversprechend“ sagte Karagiannidis, der auch Präsident der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin (DGIIN) ist. „Bleibt es so hoch und impfen wir jetzt noch gezielter, bekommen wir im Rennen gegen das Virus in absehbarer Zeit die Oberhand.“

Der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, sieht vor allem den öffentlichen Gesundheitsdienst gefordert, die Folgen der Corona-Pandemie bei sozial benachteiligten Kindern und Familien zu bekämpfen. „Die niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen kennen ihre Patienten am besten und leisten enorme Arbeit. Viele engagieren sich sogar ehrenamtlich“, sagte Gassen. „Doch alleine können sie das nicht schultern. Hier ist der Öffentliche Gesundheitsdienst gefragt, systematisch für Information und Aufklärung zu sorgen“, sagte Gassen. SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz hatte vor einer sozialen Spaltung beim Impfen gewarnt, weil sozial Benachteiligte keinen so guten Zugang zu Hausärzten hätten, die Impftermine vergeben.

Intensivmediziner Karagiannidis warnte unterdessen trotz der möglicherweise sinkenden Infektionszahlen vor einer Überlastung des Krankenhauspersonals. „Die Intensivstationen sind bereits viel zu voll. Die Bettenkapazitäten mögen je nach Region noch Notfallreserven haben, das Pflegepersonal und die Ärzte auf den Intensivstationen haben diese aber nicht mehr“, sagte Karagiannidis. „Die Mitarbeiter der Krankenhäuser brauchen dringend einen Sommer der Ruhe und Entlastung.“ Karagiannidis verwies auf eine Divi-Umfrage: „Bereits jetzt will ein Drittel der Pflegenden den Beruf wechseln und fast die Hälfte ihre Arbeitszeit reduzieren.“ Bis Sommer müsse ein drastischer Rückgang der Covid19-Intensivbelegung erfolgen, denn auch die Krankenhäuser würden an Corona-Langzeitfolgen leiden, indem ihnen das Personal wegrennt. „Ich kann die Entscheidungsträger nur bitten, alles zu tun, damit dies in Grenzen gehalten wird“, sagte Karagiannidis.

(jd/mar/dpa)