Interview: "Ich bin enttäuscht von den Frauen in Arabien"

Interview : "Ich bin enttäuscht von den Frauen in Arabien"

Frau Gbowee, Sie haben 2011 für Ihren gewaltfreien Kampf für die Frauenrechte den Friedensnobelpreis erhalten. Welche Wirkung hat eine derartige Auszeichnung?

Frau Gbowee, Sie haben 2011 für Ihren gewaltfreien Kampf für die Frauenrechte den Friedensnobelpreis erhalten. Welche Wirkung hat eine derartige Auszeichnung?

Gbowee Sie hilft uns sehr, weil wir natürlich jetzt viel mehr Aufmerksamkeit für unsere Arbeit bekommen und auch mehr Hilfsangebote. Früher standen wir fast allein. Jetzt melden sich viele mögliche Partner, und wir müssen sehr aufpassen und genau hinschauen, wer da mit uns zusammenarbeiten will.

Woher nimmt man die Hoffnung, dass man mit friedlichem Protest einen Bürgerkrieg beenden kann, wie Sie es in Liberia getan haben?

Gbowee Wenn Sie nach 14 Jahren voller Gewalt und Chaos vor der Wahl stehen, dass alles so weitergeht, oder dass Sie versuchen, etwas zu ändern – was würden Sie tun? Wir hatten nichts zu verlieren.

Dafür braucht man aber Mut – wie haben Sie ihre Angst überwunden?

Gbowee Ich habe meinen ersten Toten im Alter von 17 Jahren gesehen, und es war ein Schock. Dann habe ich mich an den Anblick gewöhnen müssen. Wir alle wussten, dass wir jeden Tag im nächsten Augenblick tot sein konnten. Irgendwann hat man keine Angst mehr vor dem Tod.

Wie sehen Sie die Rolle der Frauen in der arabischen Welt?

Gbowee Ich gebe zu, ich bin etwas enttäuscht von ihnen. Beim Sturz der alten Machthaber standen die Frauen mit in der ersten Reihe. Aber dann haben sie sich zurückgezogen. Das ist keine gute Sache. Meine Erfahrung lehrt mich, dass die Frauen unverzichtbar sind, um ein Land wieder aufzubauen.

Matthias Beermann führte das Gespräch.

(RP)
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