Hungerkatastrophe in Ost-Afrika

Hungerkatastrophe in Ost-Afrika

Rund zwölf Millionen Menschen sind wegen einer verheerenden Dürre in Äthiopien, Kenia, Somalia, Uganda und Dschibuti vom Tod bedroht. Riesige Flüchtlingsströme überfordern die Aufnahmeländer. Doch langsam rollt die internationale Hilfe an. Auch deutsche Organisationen sind aktiv.

Jijiga/Düsseldorf Ein scharfer Wind weht über Jijiga, dichte graue Wolken ziehen über die äthiopische Grenzstadt hinweg. "Es sieht so aus, als ob es jeden Augenblick regnen würde", sagt Judith Kühl von der deutschen Ärzte-Hilfsorganisation Humedica. Doch kein einziger Tropfen fällt, wochenlang hat es nicht mehr geregnet.

Die Katastrophe entwickelt sich schleichend, aber in dramatischen Ausmaßen: die Vereinten Nationen warnen bereits seit Langem vor den Folgen der schwersten Dürre im Osten Afrikas seit sechs Jahrzehnten. Hunderttausende sind auf der Flucht; vor allem kleine Kinder haben nur geringe Überlebenschancen. Viele Experten befürchten eine noch schlimmere Katastrophe als 1984/85, als rund eine Million Menschen, insbesondere in Äthiopien, einer massiven Hungersnot zum Opfer fielen.

"Die Dürre ist auch für uns Helfer spürbar", berichtet Judith Kühl. Im Gästehaus gibt es nur noch selten fließendes Wasser. Das deutsche Team kümmert sich um zwei Aufnahmelager, in denen 12 000 Somalier untergekommen sind. Täglich kämen Hunderte Flüchtlinge hinzu, die meist nichts mehr besitzen, sagt die Humedica-Koordinatorin. "Ernähungsprogramme unter ärztlicher Aufsicht sind auf jeden Fall dringend nötig."

Die Organisation mit Sitz in Kaufbeuren arbeitet bereits seit Jahren in Äthiopien und hat mit einheimischen Mitarbeitern, einem Büro und Fahrzeugen eine Infrastruktur, die den Katastropheneinsatz jetzt sehr erleichtert. Neben dem medizinischen Engagement werden laut Kühl Hilfsgüterverteilungen organisiert – in enger Zusammenarbeit mit dem Auswärtigen Amt in Berlin und der Kindernothilfe Duisburg, eine bereits seit der Erdbebenkatastrophe in Haiti im Januar 2010 bewährte Zusammenarbeit.

Die Kindernothilfe stellte zunächst 100 000 Euro für humanitäre Hilfe am Horn von Afrika zur Verfügung. "Wir müssen schnelle Hilfe leisten, denn Kinder und schwangere Frauen leiden am meisten unter der Hungersnot", erläutert Jürgen Thiesbonenkamp, Vorstandsvorsitzender der Organisation.

"Die Kleinsten leiden am meisten", bestätigt Julia Micklinghoff, Apothekerin beim Medikamentenhilfswerk Action Medeor in Tönisvorst (Kreis Viersen), die ebenfalls bereits in Haiti im Einsatz war. "Die Kinder haben viel weniger Reserven. Sie werden sehr schnell schwach und anfällig für Infektionskrankheiten." Für das Flüchtlingslager Dadaab in Kenia schickt Action Medeor Anfang kommender Woche Hilfe auf den Weg. Micklinghoff: "Ganz dringend gebraucht werden zum Beispiel Antibiotika und Wasserentkeimungstabletten, außerdem Spezialnahrung und Vitamintabletten."

Im Lager Dadaab haben 400 000 Menschen Zuflucht gesucht, was die internationalen Helfer fast verzweifeln lässt. Auf dem Weg zum größten Flüchtlingslager der Welt haben erschöpfte Eltern Hunderte Kinder am Wegesrand zurückgelassen. Das berichtet die Hilfsorganisation Save the Children, die 300 dieser Kinder aufgenommen hat. Die Vereinten Nationen und die Hilfswerke appellieren seit Tagen an die kenianische Regierung, die Eröffnung eines weiteren Lagers im Nordosten des Landes zu erlauben. Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte bei ihrem Besuch in Kenia eine Million Euro für das Aufnahmelager Dadaab versprochen.

Die Malteser engagieren sich ebenfalls in Kenia. "Um die akute Not der Bevölkerung zu lindern, werden wir über lokale Partnern Lebensmittel verteilen, vor allem Reis, Öl und Bohnen", teilte die Organisation gestern in Köln mit. "Da 80 Prozent der Gesundheitsversorgung der Diözese Marsabit in kirchlicher Verantwortung liegt, werden wir auch deren Gesundheitszentren mit lebensnotwendigen Medikamenten versorgen."

Die Malteser gehören zum Bündnis Aktion Deutschland Hilft, das seine Hilfe in Ostafrika zurzeit massiv ausweitet. So kümmern sich in Kenia Adra und World Vision um die Versorgung mit Wasser und Nahrungsmitteln, in Dadaab verteilt Care Lebensmittel, Wasser und Hygieneartikel. In Äthiopien hilft Adra mit Wasser-Tankwagen, Lebensmitteln und Tiernahrung, um den Viehbestand, die Lebensgrundlage der Bauern, zumindest noch teilweise zu retten. World Vision stellt Saatgut und Vieh bereit. In Eritrea leistet Terra Tech Nothilfe für Kinder und Schwangere. Die Johanniter betreiben in Dschibuti Ernährungszentren. Und die im Aktionsbündnis Katastrophenhilfe zusammengeschlossenen Organisationen Caritas, Deutsches Rotes Kreuz, Diakonie und Unicef verstärken ebenfalls ihr Engagement.

Die Dürre hat ganze Ernten vernichtet, das Vieh der Nomaden verdurstet. Parallel dazu steigen die Lebensmittelpreise bereits seit Monaten so massiv, dass die Bevölkerung Essen kaum mehr kaufen kann. Dazu kommt der blutige Bürgerkrieg in Somalia.

Der Leiter der Hilfsorganisation Grünhelme, Rupert Neudeck, hat deshalb gestern im Deutschlandfunk den Abwurf von Lebensmitteln aus Flugzeugen gefordert. Eine Luftbrücke sei in Süd-Somalia die einzige Möglichkeit, Leben zu retten. Denn die Region wird von der radikal-islamischen Al-Schabaab-Miliz kontrolliert, die sich dem internationalen Terrornetzwerk al Qaida zugehörig fühlt. Nach Anschlägen auf Mitarbeiter sind die meisten ausländischen Hilfsorganisationen abgezogen. Vor wenigen Tagen nahm ein Al-Schabaab-Sprecher allerdings die Todesdrohungen zurück und bat ausdrücklich um ausländische Hilfe.

In Zentral-Somalia ist die Hilfe wegen der Sicherheitslage ähnlich schwierig. So kann nur die Organisation Islamic Relief ungefährdet Hilfsgüter verteilen. Das UN-Welternährungsprogramm verhandelt zurzeit mit den diversen Machthabern in Somalia über Sicherheitsgarantien und einen Zugang zu den Hungernden.

(RP)