Kairo: Hunderttausende Ägypter protestieren gegen Mursi

Kairo : Hunderttausende Ägypter protestieren gegen Mursi

Die Opposition will den islamistischen Präsidenten zu Fall bringen. Die Angst vor einem Bürgerkrieg wächst.

Der Jubel ist längst verklungen. Vor einem Jahr, als Mohammed Mursi sein Amt antrat, hatten auch diejenigen dem neuen ägyptischen Präsidenten applaudiert, die dem Islamisten nicht ihre Stimme gegeben hatten. Auf dem Tahrir-Platz in Kairo, im Zentrum der Revolution, hatte Mursi versprochen, ein Präsident für alle Ägypter zu sein.

Ein Jahr später hat sich die Zuversicht in Wut verwandelt. Mehr als 200 000 Menschen sind auf der Straße. Fotos von Mursi und Islamisten sind mit roten Kreuzen durchgestrichen wie zuvor die von Hosni Mubarak und Hussein Tantawi, dem Chef des Militärrats. "Mursi, hau ab!", schreit die Menge, "wir wollen einen anderen Präsidenten!"

Am Nachmittag setzen sich die Demonstrationszüge zum Präsidentenpalast in Bewegung. Einige Gruppen wollen den Palast stürmen, der allerdings von der Armee abgeriegelt ist. Und auch Mursis Anhänger, die sich um eine der größten Moscheen Kairos im Bezirk Nasr City versammelt haben, wollen sich ihren Gegnern stellen. Einige von ihnen tragen Stöcke und Helme bei sich. Die Oppositionellen wiederum wollen nicht weichen, bis Mursi seinen Rücktritt verkündet.

Viele Ägypter befürchten blutige Ausschreitungen in den nächsten Tagen. Manche sprechen gar von heraufziehendem Bürgerkrieg. Viele Ausländer wollen das Land verlassen. In der Nacht zu Samstag starben bei Ausschreitungen in der Hafenstadt Alexandria drei Menschen, unter ihnen ein US-Amerikaner. Auch gestern kam ein Mensch bei Auseinandersetzungen ums Leben. Zudem sollen Büros der Muslimbrüder mit Brandsätzen angegriffen worden sein; auf Mursi-Gegner sei gefeuert worden, berichtete die Zeitung "Al Ahram".

Dabei hatte Mursis Amtszeit hoffnungsvoll angefangen, als er hochrangige Militärs in den Ruhestand schickte, darunter Tantawi, das Hassobjekt der Protestbewegung. Doch dann geschah, was seither die Gesellschaft spaltet: Mursi wurde machthungrig. Ein Dekret sollte ihm uneingeschränkte Vollmachten sichern und die Justiz faktisch außer Kraft setzen. Das sei noch schlimmer als unter Mubarak, konterte die Opposition. Als dann auch noch die Verfassung nur von Islamisten und ohne Beteiligung der Revolutionsbewegung verabschiedet wurde, zerfiel Ägypten endgültig in zwei unversöhnliche Lager.

"Muslimbrüderisierung" nennen die Ägypter das Bestreben Mursis, seine Klientel in hohe Positionen zu befördern. Viele wollen das nicht mehr dulden. "Einer muss gehen", sagt Hoda, Demonstrantin auf dem Tahrir: "Der Präsident oder wir."

(RP)
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