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Analyse: Horst Seehofer wird nervös

Analyse : Horst Seehofer wird nervös

Bayerns Innen- und Verkehrsminister Joachim Herrmann wurde erstmals von seinem Kabinetts- und CSU-Parteichef rüde gerüffelt. Dennoch oder gerade deshalb gilt Herrmann als einer von drei möglichen Nachfolgern.

Bei der Landtagswahl in Bayern vor zehn Monaten hatte die CSU - nach fünf Koalitions-Pflichtjahren mit der FDP - zur absoluten Mehrheit, aber nicht zur absoluten Stärke von einst zurückgefunden. Das Fazit des Passauer Politikwissenschaftlers Heinrich Oberreuter, der die "bayerische Volkspartei mit bundespolitischem Anspruch" seit Jahrzehnten durchleuchtet, klingt für die CSU heikel: Deren Stärke resultiere vorwiegend aus der eklatanten Schwäche der bayerischen Opposition aus SPD, Grünen und Freien Wählern. Ein Kompliment hört sich anders an.

Am Wahlabend des 15. September 2013 hätten der CSU-Chef, Ministerpräsident Horst Seehofer, und seine Christsozialen angesichts des Ergebnisses von fast 48 Prozent wie die Champions singen können: "So sehn'n Sieger aus." Für Horst Seehofer schien endgültig wahr zu werden, was Schiller auf seinen Dramenhelden Tell gemünzt hat: "Der Starke ist am mächtigsten allein." Jetzt macht der Starke vom Herbst 2013 die Erfahrung, die jeder irgendwann am Gipfel macht, der sich dort droben grandios und "am mächtigsten allein" fühlt: Von nun an geht's bergab; und wenn er nicht Acht gibt, kriegt der Gipfelstürmer, der ohne Seilschaft gar nicht ans Ziel gekommen wäre, aber den Sieg überwiegend sich zuschreibt, beim fälligen Abstieg Schubser. Der Lorbeer fliegt dann ins Geröll.

Man wird nicht von einer bevorstehenden Götterdämmerung Seehofers sprechen können. Davon ist nicht nur der erfahrene CSU-Analytiker Oberreuter überzeugt, sondern auch der frühere bayerische Wissenschaftsminister und CSU-Generalsekretär Thomas Goppel, Sohn des legendären Ministerpräsidenten Alfons Goppel (1962 bis 1978), der 1974 ein sagenhaftes CSU-Ergebnis von 62,1 Prozent erzielte.

Aber man könnte mit Blick auf den 65 Jahre alten Seehofer die alte Metapher verwenden: Die Uhr läuft. Mehr noch: Es gibt immer mehr, die gerne die Zeiger vorstellen möchten. Dass Seehofer ausgerechnet seinen angesehenen Innen- und Verkehrsminister Joachim Herrmann in einer barschen Art abgekanzelt hat ("Niemand muss seinen Senf dazugeben"), weil Herrmann Ausnahmeregelungen bei der künftigen Maut für Ausländer-Autos angeregt hatte, zeugt von Unsicherheit der Nummer eins. Sie scheint sich ihrer zeitweise unangefochtenen Autorität nicht mehr sicher sein zu können. Von seiner Aussage, am Ende der bayerischen Legislaturperiode, 2018, sei seine Amtszeit beendet, kommt Seehofer nicht mehr weg. Es sieht immer weniger danach aus, als würden ihn stolz nachwachsende Männer und Frauen der Führungsreserve inständig bitten, es sich noch einmal zu überlegen. Oberreuter hat sicherlich recht, wenn er eine Vorentscheidung für die Zeit nach Seehofer in beiden Spitzenämtern (Ministerpräsident und Parteichef) im Verlauf des kommenden Jahres für wahrscheinlich und zudem hilfreich hält.

Aus heutiger Sicht kommen für die Nachfolge drei CSU-Granden in Betracht: Finanzminister Markus Söder, der 47 Jahre alte Franke, Jurist und Journalist, Wirtschaftsministerin Ilse Aigner, die 49 Jahre alte Technikerin und Ex-Bundesagrarministerin aus Oberbayern und der bereits erwähnte bayerische Innenminister Joachim Herrmann. Herrmann stammt aus München und ist Jurist. Die, die ihn gut kennen, rühmen seine ruhige, besonnene, vertrauenweckende Art und fügen verschmitzt hinzu, für Temperament sei in der Familie Herrmann eher Frau Herrmann zuständig.

Der gemessen auftretende Sohn eines Professors verkörpert den Typ Politiker, von dem man nach einem alten amerikanischen Spruch getrost einen Gebrauchtwagen kaufen könnte. So gilt es seit geraumer Zeit in der CSU nicht als ausgeschlossen, dass der Innenminister, der bei der Kabinetts-Neubildung das Ressort Verkehr dazu bekommen hatte, am Ende der lachende Dritte ist bei der Vergabe der Ämtertrophäen in Staatskanzlei und Partei.

Während Herrmann schon aus Altersgründen keine Kronprinzen-Attitüde eigen ist und er lieber lange wartet, statt zu früh "Hier bin ich" zu rufen, stehen Söder und Aigner im Ruf, es wissen zu wollen, wenn es um das politische Erbe des nicht mehr ganz so großen Vorsitzenden Seehofer geht. Ursula Münch, Direktorin der Akademie für Politische Bildung in Tutzing südlich von München, lobt Herrmanns Souveränität und Gediegenheit. Münch würdigt aber auch Söder, der als Finanzminister ein politischer Könner sei, allerdings ausgestattet mit einem sprunghaften Temperament. Söder ist tatsächlich ein Homo politicus Bavariae, ein Temperamentsbolzen, dessen Stärke es jedoch nicht ist, den brennenden Ehrgeiz des politisch Hochbegabten zu zügeln. Seehofer hat ihn deshalb schon böse gerüffelt.

Ilse Aigner, die sich nach Einschätzung der Kundigen als Wirtschaftsministerin bislang noch keine höheren Weihen verdient hat, hat den nicht zu unterschätzenden Vorteil, dass sie als charmante Frau und einflussreiche CSU-Bezirkschefin Oberbayern als die denkbar beste Wahlkämpferin und Menschenfischerin gilt. Herrmann, der bei seinen CSUlern wegen seiner bedächtigen Art und Bärenruhe den Spitznamen "Balou" trägt, gehört neben Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt zu den Persönlichkeiten aus der CSU-Führungsriege, auf deren Kosten sich Seehofer bislang Witze und Sottisen verkniffen hat. Dass der noch vor Monaten als demokratischer Alleinherrscher betitelte Seehofer jetzt auch seine Kabinetts-Respektsperson verbal in den Senkel zu stellen versuchte, werten Beobachter in München als Zeichen von Nervosität eines einst Mächtigen. Seehofer spürt: Außer den stets sprungbereiten Talenten Markus Söder und Ilse Aigner ist da noch jemand, der das Zeug zum Nachfolger, wenngleich nicht zum Revolutionär hat.

(RP)