Hoffnungen auf Ökumene gedämpft

Hoffnungen auf Ökumene gedämpft

In Erfurt ist Papst Benedikt XVI. mit der Spitze der Evangelischen Kirche in Deutschland zusammengetroffen. Dabei wurde klar: Schnelle weitere Schritte zur kirchlichen Einheit wird es wohl nicht geben. EKD-Ratschef Nikolaus Schneider übt sich dennoch in Optimismus.

Erfurt Wenn es um die Einheit der Kirche geht, muss sogar die Staatsspitze warten. Als die katholische Delegation die Kirche des Erfurter Augustinerklosters zur ökumenischen Andacht betritt – fünf Minuten vor den Protestanten –, da warten Bundespräsident Christian Wulff und Bundeskanzlerin Angela Merkel in der ersten Bankreihe schon zehn Minuten. Eine halbe Stunde haben zuvor Papst Benedikt XVI. und der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider, nebenan im Kapitelsaal mit ihren Delegationen über Perspektiven der Ökumene beraten.

Die Andacht schließt den kirchenpolitischen Höhepunkt der päpstlichen Deutschlandreise ab. Im Chorgestühl finden die Delegationen Platz – Katholiken rechts, Protestanten links. Papst und Ratschef sitzen vor dem Altar auf schlichten Stühlen auf der Seite ihrer jeweiligen Konfession. Der zeitliche Abstand, die räumliche Trennung: Schon die Eröffnung ist eine Miniatur der Kirchenspaltung.

Das stärkste der vielen Symbole dieses Erfurter Tages aber ist der Ort: Hier im Augustinerkloster ist Martin Luther 1505 Mönch geworden, hier hat er seine erste Messe gelesen. Und die Tatsache, dass bei einem ökumenischen Treffen Protestanten die Hausherren sind, ist ein Novum für eine päpstliche Deutschlandreise.

Groß sind die Erwartungen gewesen an das Gipfeltreffen im Stammland der Reformation, in Zeiten einer gewaltigen Vertrauenskrise besonders der katholischen Kirche in Deutschland. In dieser Linie steht, was EKD-Synodenpräses Katrin Göring-Eckardt, die Vorsitzende des evangelischen Kirchenparlaments, an Benedikts Adresse sagt. Es ist vor allem dieser Satz: "Wenn man Mauern zu lange bewacht, Mauern aus Stein und Mauern aus Schweigen, dann brechen sie von innen auf, weil die Menschen von der Freiheit wissen." Göring-Eckardt spricht zwar von ihren Erfahrungen in der DDR, als sie das sagt; manche hochgezogene Augenbraue belegt aber, dass der Satz auch anders zu verstehen ist.

Dann predigt der Papst: Das Fundament der Einheit liege im gemeinsamen Glauben an den dreieinen Herrn, "den konkreten Gott", den die Christen gemeinsam zu bezeugen hätten. Das sei "unser erster ökumenischer Dienst in dieser Zeit". Erst zum Schluss dann dies: Wer ein "ökumenisches Gastgeschenk" von ihm erwarte, erliege einem "politischen Missverständnis des Glaubens und der Ökumene" – er sei nicht gekommen, einen Vertrag auszuhandeln. "Der Glaube", sagt der Papst, "ist nicht etwas, das wir ausdenken oder aushandeln." Es gelte vielmehr, Dank zu sagen für Erreichtes und mit den Worten Christi "Lass sie eins sein" um tiefere Einheit zu beten.

Öffentlich also kein Wort von Luther; dafür zuvor hinter verschlossenen Türen. Im Kapitelsaal, wo Luther als Novize in den Orden der Augustiner-Eremiten aufgenommen wurde, hat Benedikt Luthers Ringen um Erkenntnis gewürdigt, das in der Frage gipfelt: "Wie kriege ich einen gnädigen Gott?" Dass dieser Satz "die bewegende Kraft seines ganzen Weges war", bekennt der Papst, "trifft mich immer neu". Im Kapitelsaal ist die Rednerliste kurz: Die mitteldeutsche Landesbischöfin Ilse Junkermann hält eine knappe Begrüßung, dann spricht Schneider, dann der Papst. Zeit ist danach nur noch für eine Nachfrage des Braunschweiger Bischofs Friedrich Weber, der bei den Lutheranern für die "Catholica" zuständig ist. Die Atmosphäre beschreiben Teilnehmer als freundlich und offen. Die Anspannung aber bleibt – das ist beim Einzug in die Kirche den Gesichtern anzusehen, vor allem bei den Protestanten.

Benedikt XVI. habe den deutschen Christen eine "Hausaufgabe" hinterlassen, sagt Schneider nach der Begegnung: Es gelte zu klären, wo die Gemeinsamkeiten lägen und welche Schritte zu weiterer Einheit möglich seien. Als Musterschüler erweist sich prompt der Schweizer Kurienkardinal Kurt Koch, als er Schneider während der gemeinsamen Pressekonferenz auffordert, wer von Heilung der Gegensätze spreche wie der Ratsvorsitzende, müsse "Gegenverkehr" zulassen, schließlich gebe es auch "Schattenseiten bei Luther". Die evangelische Kirche müsse klarmachen, wie sie zur Reformation stehe. Schneider erwidert, für die Protestanten sei "Luther nicht der Held, der immer alles richtig gesehen und gesagt hat", und die Reformation habe nicht mit 1500 Jahren Kirchengeschichte gebrochen.

Ein Moment aus der Andacht mag am Ende das treffendste Sinnbild des Tages sein: Als Benedikt XVI. seine Ansprache beendet hat, steht Schneider auf, geht auf den Papst zu, die beiden fassen sich an den Unterarmen, neigen sich einander zu. Es ist die Andeutung einer brüderlichen Umarmung, das Symbol eines Symbols. Wer in Erfurt Ermutigendes entdecken will, muss genau hinschauen.

Oder Optimist sein, wie Nikolaus Schneider. "Ich bin eben jemand, der zum Positiven interpretiert", sagt er nach der Begegnung. Das könnte sich in den kommenden Jahren noch als gefragter Charakterzug erweisen.

(RP)
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