Herbert Grönemeyer - einer, der die Männer versteht

Herbert Grönemeyer - einer, der die Männer versteht

Meist sind Lieder Abhandlungen über das andere Geschlecht, über Wirkungen und Nebenwirkungen des Zwischenmenschlichen. Dass sich ein Mann mit sich selbst und seinen Gefühlen beschäftigt, ist selten. Herbert Grönemeyer gibt im Song "Männer" von 1984 ein vitales Beispiel, dass Selbstbetrachtung sogar ironisch funktionieren kann.

Botschaft des Lieds: Der Mann wurde von Kindesbeinen an zu dem gemacht, was er jetzt ist - ein Gefährdeter mit viel Hormon ("allzeit bereit") und wenig Reflexion ("müssen durch jede Wand"). Sie folgen Aufträgen, die nie erteilt wurden. Weil sie leicht fehlprogrammiert "ständig unter Strom" stehen, nehmen sie wie Getriebene in eigener Mission auch Kollateralschäden in Kauf ("lügen am Telefon"); sie sitzen abends kummervoll mit dem Bier auf'm Sofa, weil sie nicht wissen, ob sie wild oder domestiziert sein sollen, oder sie landen gleich im Katheterlabor ("kriegen 'nen Herzinfarkt"). Die Musik hat eine ordnungsgemäß treibende, leicht unklare Motorik, sie ist so kurzatmig wie die Männer im Lied. Wenn Herbie es singt, steht er immer kurz vor der Reanimation.

Grönemeyer zeigt den Mann als liebenswerten Verstellungskünstler, als Schaf im Wolfspelz ("außen hart und innen ganz weich"), als ein Geschöpf, das dringend zu sich selbst emanzipiert werden muss. Männer haben Grönemeyers "Männer" stets empört von sich gewiesen und sich insgeheim oft wiedererkannt. Wie die Helden Wagners ringen Grönemeyers Prototypen um Erlösung, aber in ihrer Unerlöstheit sind sie sympathisch. In der Tat ist es gerade die männliche, von den Spuren der Pubertät nur unzureichend bereinigte Fehlerhaftigkeit, die für die Frau als solche ein fortwährender Auftrag ist - zur Hege, Erziehung oder Tolerierung des Mannes.

(RP)
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