Helikopter-Piloten der Polizei waren im Urlaub

Helikopter-Piloten der Polizei waren im Urlaub

Oslo Das offenbar viel zu späte Eingreifen seiner Beamten beim Mordanschlag auf Utoya setzt Oslos Polizeichef Anstein Gjengedal zunehmend unter Druck. Seiner Behörde wurde gestern von Politikern und Angehörigen der Opfer erstmals offen Versagen vorgeworfen. Gjengedal bestreitet das. "Wir waren schnell da", beteuerte er im norwegischen Fernsehen. Die Anti-Terror-Einheit "Delta" habe sich sofort nach dem ersten Alarmruf auf den Weg zur Insel gemacht – trotz des Chaos durch die vorherige Bombenexplosion in Oslo.

Bereits am Wochenende waren Vorwürfe lautgeworden, dass es viel zu lange gedauert habe, bis der Notrufdienst die zahlreichen Hilferufe der Jugendlichen über Handys und Twitter überhaupt ernst nahm und die richtige Einheit bei der Polizei alarmiert wurde.

Gjengedal erklärte nun im Fernsehen, seine Leute hätten so lange gebraucht, weil die Osloer Polizei ihren einzigen Hubschrauber wegen der Sommerferien ab 1. Juni bis Anfang August außer Dienst gestellt habe. Dabei fehlte es offenbar nicht an Geld – es sei einfach die sinnvollste Ferienplanung gewesen, erklärte Polizeiinspektor Johan Fredriksen im öffentlich-rechtlichen Fernsehsender NRK. "Wir haben nur eine begrenzte Anzahl von Beamten, die Helikopter fliegen können. Der Polizeidistrikt Oslo lässt immer alle gleichzeitig Ferien im Sommer machen, damit wir den Rest des Jahres nicht mit verminderter Einsatzstärke auskommen müssen", erklärte Fredriksen.

Die Beamten mussten deshalb mit einem Boot aus dem 40 Kilometer entfernten Oslo über den Landweg und schließlich über den Tyrifjord anrücken. Beim Übersetzen auf die Insel soll dann auch noch der Bootsmotor gestreikt haben. Ergebnis: Der Attentäter Anders Behring Breivik hatte so für seinen Angriff auf die etwa 600 Jugendlichen des sozialdemokratischen Ferienlagers 90 Minuten Zeit.

Polizeichef Gjengedal sagte, Autos als Transportmittel seien unter den gegebenen Umständen "einfach das Schnellste" gewesen. Der einzige verfügbare Hubschrauber des norwegischen Militärs habe außerhalb Oslos gestanden und wäre deshalb langsamer gewesen. Dass das Militär nicht einfach direkt eingesetzt wurde, erklären norwegische Medien mit den langen Dienstwegen mitten im Chaos der Bombenanschläge in Oslo – und auch mit der Tatsache, dass sich niemand vorstellen konnte, dass auf der Insel Dutzende Menschen erschossen würden.

Diese Entschuldigungen mögen für Nationen mit großen Sicherheitsapparaten wie Deutschland abstrus klingen. Im nur knapp fünf Millionen Einwohner zählenden und dünn besiedelten Norwegen klingen sie anders – die "Fellesferie" sind den Norwegern heilig als landesweit gemeinsam begangene und beendete Sommerferien. Während dieser Zeit macht nicht nur die Polizei, sondern das ganze Land weitgehend zu: Kindergärten, Schulen, aber auch Betriebe und Behörden werden teilweise geschlossen. Bahn- und Busverbindungen sind stark eingeschränkt. Dabei geht es auch um die starken Rechte der Arbeitnehmer im sozialdemokratischen Wohlfahrtsland: Angestellte sollen mit ihren Familienangehörigen Urlaub machen können, ohne dass sich die Berufswelt ohne sie weiter dreht.

Inzwischen diskutiert Norwegen bereits, wie man die Polizei- und Militärbereitschaft in Zukunft, etwa nach britischem Modell, umorganisieren und verbessern kann.

(RP)
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