Warum der "Förderzirkus" auch schaden kann: Helikopter-Eltern im Anflug

Warum der "Förderzirkus" auch schaden kann : Helikopter-Eltern im Anflug

Der Gymnasialdirektor und Lehrerverband-Vorsitzende Josef Kraus meint, dass immer mehr Eltern ihre Kinder überbehüten. In seinem gerade erschienenen Buch kritisiert er den "Förderzirkus" von Müttern und Vätern.

Zwei Stunden vor der Feier zum neunten Geburtstag klingelt bei Louise das Telefon. Eine Mutter der eingeladenen Freundinnen ist am Apparat und sagt, dass ihr Kind zur geplanten Schnitzeljagd nur mitgehen dürfe, wenn diese nicht in den nahe gelegenen Wald führe. Der Wald ist licht, bei schönem Wetter laufen am Wochenende immer Spaziergänger herum, und die Kinder sollten aufgeteilt in zwei Gruppen à fünf nur ein kurzes Stück hineingehen. Doch die Mutter lässt sich nicht überzeugen. Ihr Kind darf ohne Erwachsenen-Begleitung nicht in den Wald. Punkt. Sinn der Schnitzeljagd ist es aber, dass die Kinder selbst ihren Weg finden und gemeinsam den Schatz heben. Also muss die Route umgeplant werden.

Für Mütter und Väter, die ihre Kinder auf diese Art und Weise behüten, hat der israelische Psychologe Haim Ginott bereits 1969 den Begriff Helikopter-Eltern ersonnen. Anfang des Jahrtausends setzte sich die amerikanische Familientherapeutin Wendy Mogel mit dem Phänomen der überbehütenden Eltern auseinander und beschrieb, wie ein Zuviel an Zuwendung, Bildungsangeboten und Kontrolle bei den Kindern Fehlentwicklungen auslösen kann.

Nach den Erfahrungen des Gymnasialdirektors und Vorsitzenden des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, wächst die Zahl der "hyperaktiven Eltern" rasant, die bei der Erziehung Maß und Mitte verloren haben. In seinem gerade erschienen Buch "Helikopter-Eltern — Schluss mit Förderwahn und Verwöhnung" schätzt er, dass zehn bis 15 Prozent der Eltern heute wahlweise als Kampf-, Transport- oder Rettungshubschrauber permanent um ihre Kinder kreisen. Bei weiteren zehn bis 15 Prozent der Mütter und Väter sieht er das Gegenteil: soziale Vernachlässigung. Etwa 70 bis 80 Prozent der Eltern hält er weitgehend für normal mit einem bodenständigen Ansatz bei der Kindererziehung — so weit die Erkenntnis des Pädagogen.

Helikopter-Eltern, wie man sie bei Kraus und anderen beschrieben findet, sind im Leben ihrer Kinder überall präsent: Sie verpassen keine Ballettvorführung, kein Fußballspiel und stehen selbstverständlich auch mit den Eltern der Freunde im Kontakt. Kinder von Helikopter-Eltern dürfen kaum einen Schritt alleine tun, sollen aber mit Sprachkursen in jungen Jahren auf die globalisierte Welt vorbereitet werden.

Manche dieser "Hubschrauber" sind auch noch im Einsatz, wenn ihre Kinder längst volljährig sind. Sie gehen an den Universitäten in die Sprechstunden der Professoren oder versuchen sogar, beim Arbeitgeber ihrer Sprösslinge Vorteile auszuhandeln oder sich in Konflikte einzumischen.

Auch die Bildungs- und Familienexpertin der Adenauer-Stiftung, Christine Henry-Huthmacher, sieht die Helikopter-Elternschaft als "ein Phänomen, das sich in der Mittelschicht breit macht". Meistens handele es sich um "besonders engagierte Mütter und Väter, sehr leistungsorientiert, Akademiker, oft beide berufstätig". In der Fachwelt heißen sie auch "Performer-Eltern". Sie haben an sich und ihr Leben hohe Ansprüche. Henry-Huthmacher mahnt: "Wir müssen die reale Selbstständigkeit des Kindes wieder erhöhen."

Bei Lehrern sind die Helikopter-Eltern gefürchtet, weil sie Zeit und Energie in Anspruch nehmen. Kraus beklagt sich über Eltern, "bei denen es nichts gibt, woran sie sich nicht aufhalten können — über die Zahl der Englischvokabeln, über die Sitzordnung in der Klasse, über die unvermeidbare Zuteilung ihres Kindes zu einer bestimmten Klasse, über das Gewicht des Schulranzens, über das Fehlen eines Salatblatts auf dem in der Pause erworbenen Wurstbrötchen, über den fehlenden Wasserspender im Klassenzimmer".

Kritisch sieht Kraus auch den "Förderzirkus", den Eltern teilweise schon ihren Kleinkindern zukommen lassen. Eltern, die bei ihren Kindern auf einen "Mozart-Effekt" hoffen oder ihre Babys mit Englisch-Vokabeln füttern, sieht er auf dem falschen Weg. Manchem Kleinen werde ein Zeitplan übergestülpt, der so manchen Manager an den Rand des Zusammenbruchs brächte, schreibt Kraus.

Besonders viel Kritik übt er an Eltern von Schulkindern, die ihren Nachwuchs bei Regen mit dem Auto vor die Schultür kutschieren, keine Einsicht zeigen, wenn ihre Kinder beim Rauchen oder mit Alkoholfahne erwischt werden, oder auch die Tochter für ein Casting die Schule schwänzen lassen. Nach der Beschreibung von Kraus setzen Helikopter-Eltern auf der einen Seite ihre Kinder unter Leistungsdruck und haben einen umfassenden Bildungsanspruch, auf der anderen Seite lassen sie auf ihre Söhne und Töchter nichts kommen. Wenn sich diese daneben benommen haben oder die gewünschte Leistung nicht erzielen, suchen sie die Schuld bei anderen. Beliebt sind offenbar auch Diagnosen von außen wie Lese-Rechtschreib-Schwäche, Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom oder andere Einschränkungen, die eine Sonderbehandlung für die Kinder notwendig machen.

Fraglich ist, ob an dieser Entwicklung, die Kraus beschreibt und die sich auch statistisch nachweisen lässt, nur die Mütter und Väter Schuld sind. Bildungsexpertin Henry-Huthmacher sieht dies keineswegs so. Beispielsweise für den von Kraus beklagten Trend, dass immer mehr Eltern nachmittags mit ihren Kindern Hausaufgaben machen oder für Klassenarbeiten üben, macht sie die Schulen mitverantwortlich. "Dort sehe ich zwei verschiedene Fehlentwicklungen: Entweder die Schulen setzen die Kinder mit Tests und Proben unter Druck, oder sie machen das Gegenteil und teilen viel zu wenig mit, was gelernt werden muss", sagt Henry-Huthmacher. In beiden Fällen werde das Üben nach Hause verlagert, was nicht in Ordnung sei. "In diesem Punkt müssen die Schulen stärker ihrer Verantwortung nachkommen."

(qua)
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