Berlin: Helfer in Afghanistan ermordet

Berlin : Helfer in Afghanistan ermordet

In der afghanischen Provinz Parwan entdeckten die Behörden zwei männliche Leichen. Zu befürchten ist, dass es sich um die seit drei Wochen vermissten deutschen Entwicklungshelfer handelt, die von einer Wanderung nicht zurückkehrten. Sie wurden offenbar von Raubmördern erschossen.

Die seit drei Wochen in Afghanistan vermissten deutschen Entwicklungshelfer sind offensichtlich ermordet worden. Zwei männliche Leichen seien im Gebirge von Dorfbewohnern entdeckt worden, meldeten Behörden aus der Provinz Parwan. Das bestätigte auch das Auswärtige Amt in Berlin. Solange die Identifizierung aber noch nicht abgeschlossen sei, könne der Tod der Deutschen nicht bestätigt werden. Der Krisenstab des Auswärtigen Amtes arbeite mit Hochdruck an der Aufklärung.

Nach Polizeiangaben aus Afghanistan wiesen die Toten Schussverletzungen im Brustbereich auf. Die Behörden gehen davon aus, dass die beiden Deutschen Opfer eines Raubmordes durch Nomaden der Region wurden. Wertsachen, wie Kameras und Ferngläser, seien verschwunden, die Leichen in Säcke gesteckt worden.

Weder das Auswärtige Amt noch die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit wollten sich zur Identität der Vermissten äußern. Nach Medienberichten könnte es sich um einen Agrarexperten aus Baden-Württemberg und einen Handwerksmeister aus Sachsen handeln. Beide waren mit Entwicklungsprojekten beschäftigt. Der eine bildete Afghanen in Ackerbau und Viehzucht aus, der andere junge Werkzeugmacher.

Die beiden hätten vor dem 23. August die Gegend erkunden wollen. Nachdem sie nicht mehr zum vereinbarten Treffpunkt gekommen seien, habe ihr Fahrer sie als vermisst gemeldet.

Offenbar war es nicht die erste Wanderung, zu der sie aufbrachen. Wie das Entwicklungsministerium in Berlin darlegte, ist für Helfer am Hindukusch ein "Risikomanagementsystem" entwickelt worden, das auch funktioniere. Wanderungen durchs Gebirge gehören danach zu den Tätigkeiten, von denen auch Entwicklungshelfern dringend abgeraten wird. Was bringt Helfer trotzdem dazu, sich in solche Gefahrensituationen zu begeben? Es hat sicherlich mit dem Gefühl zu tun, von der Bevölkerung herzlich aufgenommen zu sein.

Wer eben nicht wie die internationale Schutztruppe ab und zu mit schwer gepanzerten Fahrzeugen durch die Dörfer rast, sondern Tag und Nacht mitten unter den Menschen lebt, erwirbt sich automatisch das Vertrauen der Einheimischen – erst Recht, wenn man Wissen und Bildung und damit Hoffnung und die Aussicht auf Wohlstand ins Land bringt.

Die von den Deutschen aufgesuchte Region gilt auch unter Afghanen als landschaftlich besonders attraktives Gebiet. Auch viele Soldaten, die in ihrer Heimat begeisterte Wanderer und Bergsteiger sind, kommen bei Patrouillen durch den Hindukusch ins Schwärmen. Es gibt dort grandiose Gebirgsketten und Jahrtausende alte Handelswege, auf deren Spuren schon viele Reisende unterwegs waren – bis Bürgerkriege, der sowjetische Feldzug, die Taliban-Herrschaft und der kriegerische Konflikt seit 2001 solche touristischen Vorhaben zu lebensbedrohlichen Unternehmungen machten.

Entführungen gehören in Afghanistan zum Alltag. Kriminelle Organisationen melden sich danach regelmäßig mit Lösegeldforderungen. Mitunter "verkaufen" sie die Verschleppten auch an die Taliban oder mit ihnen verbundene Terrornetzwerke, die dann ihrerseits politische Zugeständnisse oder die Freilassung gefangener Mitkämpfer zu erpressen versuchen. Nach dem Verschwinden der beiden Deutschen hatte es beides nicht gegeben. Deshalb hatten Afghanistan-Experten die auch von Außenminister Guido Westerwelle für möglich gehaltene Entführungs-Version in Zweifel gezogen.

Kurz nach dem Verschwinden waren denn auch fünf Angehörige des örtlichen Nomaden-Stammes der Kuchis festgenommen und tagelang verhört worden. Die afghanischen Behörden warfen den Nomaden vor, in das Verbrechen verwickelt zu sein. Offen blieb, ob der Bergungstrupp, der gestern die Leichen fand, aufgrund der Erkenntnisse aus den Verhören in Marsch gesetzt worden war.

(RP)
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