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Heimlicher CSU-Chef

Heimlicher CSU-Chef

Pünktlich zur Klausur darf sich die CSU steigender Beliebtheit erfreuen. Doch dahinter steckt nicht die Zufriedenheit mit Parteichef Horst Seehofer, sondern die Hoffnung auf Karl-Theodor zu Guttenberg.

Berlin Nein, eine Führungsdebatte wird es heute in Kreuth nicht geben. Jedenfalls offiziell nicht. Allenfalls eine klare Rückendeckung für Parteichef Horst Seehofer. Wie man das halt so macht als CSU bei der Klausur im eingeschneiten Wildbad. Zum Beispiel 2007 mit Blick auf Edmund Stoiber (der dann im weiteren Verlauf des Jahres seinen Job verlor). Oder 2008 mit Blick auf Erwin Huber (der dann im weiteren Verlauf des Jahres seinen Job verlor).

Geht es nach den bayerischen Wählern, darf sich dieses Szenario anno 2011 ruhig wiederholen. Oder 2012. Spätestens aber 2013. Denn auf die Frage der Emnid-Meinungsforscher nach den Wahlabsichten sagten nur noch 20 Prozent, sie bevorzugten Seehofer als bayerischen Ministerpräsidenten. 71 Prozent sind sich jedoch sicher, dass sie lieber Karl-Theodor zu Guttenberg zum Ministerpräsidenten wählen wollen.

Die Begeisterung für den adligen Politstar bringt sogar die CSU insgesamt wieder in heimische Umfragegefilde. Vor einem Jahr zitterten die Christsozialen angesichts der Befürchtung, bald ins Loch der 30er Prozentzahlen abzurutschen. Nun ermittelten die Demoskopen eine Zustimmung von 45 Prozent. Damit rückt die jahrzehntelang gewohnte absolute Mehrheit im Münchner Landtag wieder in erreichbare Nähe.

Die Hoffnung auf Wahlerfolge wird nicht nur unter CSU-Strategen mit zwei Buchstaben geschrieben: K. T. – für "Karl-Theodor". Als die CDU-Delegierten sich am Vorabend des Bundesparteitages Mitte November in Karlsruhe in internen Sitzungen der verschiedenen Landesverbände Gedanken über das künftige Regierungspersonal machten, gab es in mehreren Kreisen ernsthaft Gedankenspiele, wie es zu schaffen sei, Angela Merkel rechtzeitig vor 2013 nach Brüssel oder an andere Orte zu "entsorgen", um dann mit Guttenberg als amtierendem Kanzler einer sicheren Wiederwahl entgegenzusehen.

Zwar erlebten die Delegierten am folgenden Tag ihre anständig wiedergewählte Chefin in großartiger Kämpferpose. Doch am Abend, als auch Guttenberg vor der CDU um seine Bundeswehr-Reformpläne kämpfte, sahen sie die Alternative zu einer Merkel-Kanzlerschaft deutlich vor sich. Dass eine Partei vom Nimbus eines Prominenten profitiert, obwohl er sie (noch) nicht selber führt, ist nicht ohne Beispiel in der jüngeren Geschichte. Ähnlich erging es den Grünen. Auch sie waren fasziniert – von dem sicheren Auftreten und den klaren, schnörkellosen Ansagen ihres Joschka Fischer. Doch als Parteichef wollten sie ihn lange nicht. Und als er dann endlich kein "heimlicher Vorsitzender" mehr sein sollte, da wollte er nicht – ahnend, dass er sich im täglichen Kleinklein verkämpfen könnte.

Die CSU zieht ihr wachsendes Selbstbewusstsein aus dem Strategiewechsel Seehofers. Er hat sich seit dem Sommer im öffentlichen Auftreten stark zurückgenommen. Seine selbst engsten Weggefährten auf die Nerven gehende Flatterhaftigkeit hat er stark reduziert. Die Devise "Immer drauf auf die Liberalen" hat er ersetzt durch den Vorsatz, das Gemeinsame in den schwarz-gelben Koalitionen in München und Berlin zu unterstreichen.

Vor allem versucht er nicht mehr, krampfhaft beliebter zu sein als Guttenberg. Vielmehr arbeitet er daran, ebenfalls von den Beliebtheitswerten des Barons zu profitieren, indem er ihm immer wieder die Bühne überlässt – nicht ohne den Hinweis zu vergessen, dass er, Seehofer, es gewesen sei, der ihn, Guttenberg, "gemacht" habe.

In diesem Zustand richtet sich die CSU vorerst ein. Mit Seehofer als Regierungs- und Parteichef – und Guttenberg als heimlichem Vorsitzenden.

(Rheinische Post)