Heiliges in den Müll?

Heiliges in den Müll?

Der Koran ist das Wort Gottes im Islam. Exemplare davon zu verbrennen, gilt bei Muslimen als Todsünde. Doch wie werden heilige Schriften wie Koran, Bibel oder die Thora richtig entsorgt?

Düsseldorf Um in der westlichen Welt auch nur annähernd ermessen zu können, warum die Verbrennung von Koran-Schriften durch US-Soldaten in Afghanistan eine solche Wut in der muslimischen Welt ausgelöst hat, hilft vielleicht nur ein drastisches Bild: Muslime entsetzte das, was die Soldaten taten, so sehr, wie es Christen schockieren würde, würde man eine Jesusstatue auf den Scheiterhaufen werfen. So wie Jesus das fleischgewordene Wort Gottes ist, ist der Koran die schriftgewordene Offenbarung. Die Verbrennung der Schriftstücke gilt bei Muslimen somit als direkte Attacke auf Gott.

Denn was den Islam von anderen abrahamitischen Religionen wie Judentum und Christentum in dieser Beziehung unterscheidet, ist das Verständnis der Heiligen Schrift. Während die Thora zwar das Leben der frommen Juden bis ins Detail regelt, ist sie aber wie die Bibel die überlieferte Geschichte der Entstehung der Welt und des Wirkens Gottes. Die Texte des Koran hingegen gelten Muslimen als die direkte Niederschrift der Worte Allahs. Dieser hatte den Erzengel Gabriel zu Mohammed geschickt, der ihm die Offenbarung Gottes "ins Herz schrieb". Die von Mohammed im 7. Jahrhundert rezitierten Verse wurden schneller schriftlich fixiert, als dies bei den Texten von Bibel und Thora der Fall war.

Die Verehrung des Koran hängt unmittelbar mit der Verehrung von Mohammed zusammen. "Das Leben des Propheten wird als der gelebte Koran verstanden", erklärt Bekir Alboga, Sprecher des Koordinationsrats der Muslime. Noch deutlicher machen das die Worte von Sir Iqbal Sacranie, dem Generalsekretär des Muslim Council of Britain: "Die Person des Propheten (...) wird in der muslimischen Welt so tief verehrt, mit einer Liebe und Zuneigung, die man nicht in Worte fassen kann. Sie geht über die Liebe zu den Eltern, den Angehörigen, den Kindern hinaus. Das ist ein Teil des Glaubens."

Doch auch eine dermaßen verehrte Schrift, in der jedes Wort, jeder Vers heilig ist und heilig bleibt, ist eben eine Schrift, die beschädigt werden kann. Dadurch kann es nötig werden, dass sie entsorgt werden muss. Auch darin wird deutlich, wie groß der Unterschied vom Koran zur Bibel ist. Da es im Kirchenrecht dazu keine festen Regeln gibt, kann das "Buch der Bücher" wie jede Schrift entsorgt werden – nicht das Buch als Gegenstand ist heilig, sondern der Inhalt. Anders sieht das bereits bei der Thora aus. Beim schriftgewordenen Wort Gottes, dem Koran, sind die Vorschriften noch strikter: Im Judentum werden Texte, die Gottes Namen tragen, entweder begraben oder in einen heiligen Raum, Genisa genannt, gelegt. Der Koran wiederum muss zunächst in ein möglichst sauberes Tuch eingeschlagen werden, bevor er an einer Stelle begraben wird, über den normalerweise keine Menschen gehen. Die andere Möglichkeit der korrekten Entsorgung: Der Koran kann unter Aufsicht von Geistlichen mit einem Stein beschwert an einem Seil in fließendes Wasser gehängt werden, das die Schrift auf natürliche Weise löscht.

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Verbrennen – wie es die amerikanischen Soldaten taten – ist dagegen nahezu unzulässig. Nur wenn es keine andere Möglichkeit gebe, dürfe ein Koran dem Feuer übergeben werden, schrieb der muslimische Gelehrte Allamah Haskafi im 18. Jahrhundert, und das auch nur, wenn zuvor die Namen Gottes und seiner Engel von den Seiten gelöscht wurden und die Asche später vergraben wird. Nicht-Muslimen ist allerdings jedwede Art der Koran-Vernichtung verboten, das Verbrennen wird als schlimmster Frevel angesehen – immerhin erinnert Feuer an den Scheijtan, den Herrn der bösen Dschinn, die aus rauchlosem Feuer geschaffen sein sollen.

Die Heilige Schrift darf demnach nicht mit dem teuflischen Element in Berührung kommen. "Es handelt sich um Gottes Wort", betont der Theologe Abdel-Moeti Bajumi, Professor an der Al-Ashar-Universität in Kairo. "Gott versucht zu verhindern, dass die Menschen in die Hölle kommen. Deshalb ist verbrennen ungünstig."

Das ist noch untertrieben, wenn man die aktuelle Entwicklung in Afghanistan betrachtet. Denn jede Schändung des Koran gilt Muslimen als Todsünde.

(RP)
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