Bonn Guter Wille für Afghanistan

Bonn · Trotz der aktuellen Spannungen mit dem Iran und Pakistan endete die Bonner Afghanistan-Konferenz mit einem klaren Bekenntnis: Die Weltgemeinschaft ist bereit, beim langfristigen Aufbau des Landes auch nach dem Abzug der ausländischen Kampftruppen Ende 2014 zu helfen.

Wie gut, dass das Bonner Plenarsaal-Provisorium im ehemaligen Wasserwerk mit seinen kobaltblauen Sesselreihen noch so gut in Schuss ist. Der Gebäudekomplex direkt nebenan, das World Conference Center Bonn, hätte die Delegierten der Afghanistan-Konferenz nicht beherbergen können: Wegen eines Bauskandals ruhen seit zwei Jahren alle Arbeiten. Ähnlich provisorisch geht es in Afghanistan zu.

Zehn Jahre nach der ersten Afghanistan-Konferenz 2001 tritt das Land auf der Stelle. Von stabilen Verhältnissen ist es weit entfernt, von Frieden ganz zu schweigen. "Nicht alle unsere Ziele und Erwartungen waren realistisch", bemühte sich Konferenz-Gastgeber Außenminister Guido Westerwelle pflichtschuldig um ein Minimum an Optimismus. "Aber wir haben trotzdem viel erreicht."

Seit Wochen schon hatte Botschafter Michael Steiner, der gewiefte Afghanistan-Beauftragte der Bundesregierung, in vertraulichen Runden die Strippen gezogen. Ziel war es, eine überzeugende Zusage der internationalen Staatengemeinschaft zu erreichen, Afghanistan auch über 2014 hinaus zu helfen. Das ist das Jahr, in dem die letzten ausländischen Kampfeinheiten abgezogen werden sollen.

In Bonn sollte ein Plan festgezurrt werden, wie Afghanistan danach für wenigstens ein weiteres Jahrzehnt stabilisiert werden kann – mit Geld für den weiteren zivilen Aufbau, für die Ausbildung und Ausrüstung von rund 350 000 afghanischen Soldaten und Polizisten sowie mit langfristigen Investitionen in die Wirtschaft.

Im Gegenzug für die langfristigen Hilfszusagen will die Weltgemeinschaft von den Afghanen verbindliche Versprechen, dass Präsident Hamid Karsai endlich Reformen einleitet, die Regierungsarbeit verbessert und den Kampf gegen die Korruption ernsthaft aufnimmt. Alles Forderungen, die auch Bundeskanzlerin Angela Merkel zur Eröffnung der Konferenz wiederholte.

Doch Karsai, der mit seiner umfangreichen Delegation bereits seit Donnerstag auf dem Petersberg residierte, fühlte sich offenbar in einer Position der Stärke. Entnervte Unterhändler berichteten vom Wunsch der Afghanen, das bereits weitgehend festgezurrte Abschlussdokument nachzuverhandeln, kritische Passagen zu entschärfen und Zusagen der Karsai-Regierung möglichst weichzuspülen. Sehr konkret wurde Karsai dagegen bei seinen finanziellen Vorstellungen, obwohl über Geld in Bonn offiziell gar nicht geredet werden sollte: Rund 4,5 Milliarden Euro pro Jahr allein für die Finanzierung seines Sicherheitsapparats hatte er zuletzt ins Gespräch gebracht.

Doch das Abschlussdokument der Konferenz wies noch einen ganz anderen Makel auf: Die Unterschrift Pakistans fehlte. Nachdem in der vergangenen Woche bei einem Nato-Angriff auf einen pakistanischen Armeeposten im Grenzgebiet zu Afghanistan versehentlich 24 Soldaten ums Leben gekommen waren, hatte die Regierung in Islamabad die Teilnahme abgesagt. Ministerpräsident Yousuf Raza Gilani sagte allerdings im Interview mit der Agentur AP, er glaube, dass eine neue Beziehung zu den USA rasch erreicht werde.

Dennoch: Ohne Pakistan sei "der ganze Auflauf hier nicht mehr viel wert", bedauerte ein französischer Diplomat in Bonn. Auch der erhoffte Auftritt von Vertretern der "gemäßigten Taliban", der eine Premiere dargestellt hätte, platzte. "Wenn die Pakistani nicht kommen, können die Taliban auch nicht kommen", sagte Thomas Ruttig, Direktor des unabhängigen Afghanistan Analysts Network.

Es war nicht das einzige Problem. Im alten Bundestag positionierten sich die Nachbarn Afghanistans bereits im Ringen um die Nach-Abzugsordnung in der Region. So bezeichnete der iranische Außenminister Ali Akbar Salehi in Washington angestellte Planspiele, auch nach 2014 bis zu fünf US-Militärbasen in Afghanistan zu unterhalten, als Bedrohung für den Frieden.

Der drohende Unterton war unüberhörbar. Iran hatte erst am Vortag bekannt gegeben, man habe eine aus Afghanistan kommende US-Drohne abgeschossen. Es war auch die Rede davon, dass das unbemannte Flugzeug den Iranern unbeschädigt in die Hände gefallen sei. Die USA schließen beide Versionen aus. Die Sorge wächst, das wegen seines umstrittenen Atom-Programms zusehends isolierte Mullah-Regime könnte versuchen, Afghanistan zu destabilisieren.

Fast schien es, als habe das aktuelle Geschehen die Bonner Konferenz schon vor ihrer so schwer erarbeiteten Abschlusserklärung überholt. Dann, nach fast sechs Stunden auf den blauen Sesseln, hatten die Diplomaten ihren Job erledigt. Im nächsten Jahr wird man sich wiedersehen, diesmal in Tokio.

(RP)
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