Berliner Republik: Grüne und FDP, das tut nicht weh

Berliner Republik : Grüne und FDP, das tut nicht weh

"Ökos" und Liberale pflegen eine tiefe Abneigung gegeneinander. Begründet ist sie kaum. Die Klientel von Grünen und FDP ist sich ähnlicher, als manch einem Funktionär lieb ist.

Wohl kaum eine Parteienkonstellation erscheint so widersprüchlich, so gegensätzlich wie Grüne und FDP. Regelrechte Hasstiraden feuern die Mandatsträger aus den jeweiligen Lagern aufeinander. Wer mit FDP-Politikern über Grüne spricht, kommt an Begriffen wie "Umerzieher", "Dagegen-Partei", "Bevormunder" und "Öko-Schickeria" nicht vorbei. Wenn Grüne über Liberale lästern, fallen gerne Worte wie "Klientelpartei", "Einstecktuch-Träger" und "Kaschmir-Politiker". Im Ernst: Hat hier jemand Ampel-Koalition gesagt?

Ein Bündnis aus SPD, Grünen und FDP, für die Sozialdemokraten vielleicht die einzige Chance, 2013 den Kanzler zu stellen, scheitert nach herrschender Lesart am Antagonismus der grün-gelben Gedankenwelt. Ist das wirklich so? Sehen das die Wähler der kleinen Parteien genauso, oder wird der Dualismus nicht vielleicht durch die Wahrnehmung der Funktionärsträger dominiert? Die Milieus der Grünen und der Gelben überlappen sich durchaus, stellen Wahlforscher nüchtern fest. FDP und Grüne sind Parteien der Besserverdiener. Die "Latte Macchiato"-Bourgeoisie in den Szene-Vierteln Kölns, Hamburgs oder Berlin denkt liberal UND ökologisch. Bildungsinvestitionen rauf, Ja zum Kita-Ausbau, Nein zu Atomkraft, Bürgerrechte und Bürgerbeteiligung stärken, Adoptionsrecht für Homosexuelle schaffen, Zuwanderung liberalisieren: Hier passt kein Blatt zwischen Grün und Gelb. Der Göttinger Politikwissenschaftler Franz Walter meint: "Nimmt man die formalen Kriterien eines Soziologen, dann könnten die Schnittstellen kaum größer sein: Hier wie dort treffen wir auf etliche Bürger mit akademischen Abschlüssen, die in guten Wohnquartieren leben." Nur in Habitus und Stil seien die Unterschiede noch deutlich erkennbar. Doch die Zeiten, in denen ein tiefer Graben auf dem Schulhof zwischen Parka und Batik-T-Shirt tragenden Ökos und Yuppies mit Kaschmir-Pullunder über hellblauem Business-Hemd führte, sind vorbei. Die Post-Westerwelle-Trittin-Ära hat doch längst begonnen. Yuppies heißen bei den Grünen Realos. Die Mitgliedsstrukturen der beiden Parteien sind in einem Punkt sogar deckungsgleich. Fast vier Fünftel der Grünen- und der FDP-Wähler sind berufstätige Mittel- oder Oberschicht. Die Hälfte der Wähler von SPD und CDU lebt dagegen von Transfers. Grüne und FDP sind soziologische Zwillinge. Ob das für eine Koalition 2013 reicht, ist ungewiss. Vielleicht 2017 ff. Doch zeigen die letzten Jahre eben, dass der Malkasten der Parteiendemokratie bunt geworden ist. Grün ist bekanntlich das Ergebnis aus Blau-Gelb, den Farben der FDP.

(brö)
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