Stockholm: Grönland ist ein Land ganz ohne Gefängniszellen

Stockholm: Grönland ist ein Land ganz ohne Gefängniszellen

Das Strafvollzugswesen Grönlands unterscheidet sich markant vom Rest Europas. Auf der Insel gibt es keine Gefängnisse mit Mauern und Stacheldraht. Selbst verurteilte Mörder und Vergewaltiger kommen in den offenen Vollzug. Es gibt sechs offene Anstalten mit insgesamt 155 Plätzen in der teilautonomen, zu Dänemark gehörenden Inselnation mit ihren rund 56.000 Einwohnern.

In der westgrönländischen Stadt Ilulissat am arktischen Meer liegt eine dieser Anlagen. In einem einstöckigen, roten Häuschen mitten im 4600 Einwohner zählenden Ort wohnen 28 Straftäter. Nach der offenen Anstalt in der Hauptstadt Nuuk mit 66 Bewohnern ist dies die zweitgrößte des Landes. Wie im normalen Leben müssen die Insassen ihr Essen selber zubereiten und dazu auch im Ort einkaufen oder auf die Jagd gehen. Eingeschlossen werden die Straftäter nur um 21.30 Uhr. Früh morgens wird dann das Haus wieder geöffnet. Einige gehen zur Arbeit, andere zu ihrer Familie. Am Ausgang liegt eine Liste, in die sich die Freigänger eintragen müssen.

Vor 1976 gab es gar keine Strafanstalten auf Grönland. Wenn jemand ein Verbrechen begangen hatte, wurde er mit einem erfahrenen Fischer aufs Meer geschickt, um eine Art Therapie zu erhalten. "Die grönländische Rechtskultur setzt traditionell nicht auf Strafe, sondern auf Hilfe und Reintegration für die Täter", sagt Grönlands Strafvollzugsdirektor Hans Jörgen Engbo. Allerdings gab es bei den Inuit einst auch die Todesstrafe für Täter, von denen keine Besserung erwartet werden konnte. Die wurden früher einfach aufs Eis gejagt, wo sie erfroren. Heute werden solche Täter nach Dänemark in richtige Gefängnisse geschickt.

Rund 30 Grönländer sitzen dort derzeit. Schon seit langem wird daher geplant, doch noch ein kleines geschlossenes Gefängnis in Grönland zu bauen. Das Projekt wird aber immer wieder verschoben. Zuletzt hieß es 2017. "Ich tippe eher auf 2018", sagt Engbo.

(RP)