Greta Thunbergs Schulstreik wird zum Selbstläufer

Klimaaktivistin in Berlin : Gretas Schulstreik wird zum Selbstläufer

Die Schwedin Greta Thunberg kam zum Klimaprotest nach Berlin. Sie ist das Idol einer Bewegung, die endlich ernst genommen werden will.

Maybritt ist stolz auf das, was sie hier tut. Auf die Straße zu gehen, ihre Botschaften herauszuschreien, Teil einer Bewegung zu sein. „Alleine hätte ich mich das nie getraut“, sagt die 17-Jährige aus Leverkusen. Sie steht vor der Bühne am Brandenburger Tor. Kein anderer Ort in Deutschland besitzt so viel Symbolkraft wie dieser, er ist Ausdruck deutscher Identität, war immer wieder Zeuge gesellschaftlicher Umbrüche. Eben stand hier Greta Thunberg am Mikrofon, die Klimaaktivistin aus Schweden. „Greta hat das alles in Gang gesetzt, jetzt geht es immer weiter“, ist Maybritt überzeugt.

Mehr als 20.000 Menschen, die meisten von ihnen Schüler, hörten Greta zu, die erstmals zu einem „Fridays-for-Future“-Protest nach Berlin gekommen war – dem 15. in Folge in der Hauptstadt. Mit dabei: Ihr mittlerweile weltberühmtes Pappschild, auf dem „Schulstreik für das Klima“ steht, und das sie erstmals am 20. August 2018 vor dem schwedischen Reichstag in Stockholm aufgebaut hatte. Kurz danach wurden die ersten Medien auf sie aufmerksam, Organisationen und Geschäftsleute. Heute machen sich Hollywoodstars wie Leonardo di Caprio für sie stark. Greta ist zur Symbolfigur für den Kampf gegen den Klimawandel geworden, sie wird mit Auszeichnungen überschüttet und in Talkshows eingeladen – an diesem Wochenende erhält sie die Goldene Kamera, sitzt am Sonntag in der Sendung von Anne Will.

Greta Thunberg ist zugleich Hassfigur jener Menschen, die den Klimawandel leugnen. Politiker der AfD nehmen ihren Autismus, ihre Diagnose Asperger Syndrom, als Beleg dafür, dass sie sich kein differenziertes Meinungsbild machen könne. Ihr wird vorgeworfen, sie werde finanziert. Greta Thunberg selbst beteuert, sie stehe für sich allein, ihre Eltern würden für alle Reisen und Unterkünfte aufkommen. Und dann ist da noch FDP-Chef Christian Lindner, der den Klimaschutz als eine „Sache für Profis“ bezeichnete und den vielen Demonstranten vor den Kopf stieß.

Als die an diesem Freitag an der FDP-Zentrale in Berlin-Mitte vorbeiziehen, schallen teils heftige Beschimpfungen gegen die fast ausnahmslos geschlossenen Fenster. Sie protestieren gegen den Klimawandel und die Umweltpolitik der Bundesregierung, gegen die Verbrennung von Öl, Gas und Kohle, gegen exzessiven Konsum, gegen zu laschen Umweltschutz. Sie sind für einen raschen Kohleausstieg, für ein Preisschild auf CO2-Emissionen, für den Artenschutz und nachhaltige Landwirtschaft, für Recycling, öffentliche Verkehrsmittel und mehr Radwege. Sie haben ein Programm. Sie wollen endlich ernst genommen werden. Sie wünschen sich die Kanzlerin auf der Bühne am Brandenburger Tor, doch Angela Merkel (CDU) beließ es in der Vergangenheit bei Lob für das Engagement.

„Wir wollen eine Zukunft, ist das denn zu viel?“, ruft Greta Thunberg ihren Fans entgegen. „Wir sollten uns aus unserer Komfortzone herausbewegen.“ Die bisherigen Proteste seien „nur der Anfang vom Anfang“. Ihr Auftritt ist nicht lang, die „Greta, Greta“-Rufe halten sich in Grenzen, sie ist ein Star. Keine Frage. Doch sie ist auf Augenhöhe mit ihren Mitstreitern. Und ihre Bewegung ist zum Selbstläufer geworden. Es gibt „Parents for Future“, die eigene Proteste veranstalten und wie jetzt in Berlin Betten für angereiste Demonstranten zur Verfügung stellen, es gibt „Teachers for Future“, die sich hinter ihre Schüler stellen – und es gibt „Scientists for Future“. Mehr als 26.000 Wissenschaftler haben eine Resolution unterschrieben, die den Schülern Recht gibt, ihnen Argumentationshilfen gegen Anwürfe wie den von Lindner bietet.

Unterstützung kommt auch aus der Kirche. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, hat die Klimaproteste der Schüler ausdrücklich begrüßt. „Wenn die Historiker in 100 Jahren auf unsere Zeit schauen, werden sie alle, die sich wie jetzt die Schülerinnen und Schüler für einen wirksamen Klimaschutz einsetzen, als Motoren eines menschlichen Fortschritts sehen, der ein Leben ohne Naturzerstörung ermöglicht haben wird“, sagte Bedford-Strohm unserer Redaktion. Es sei für ihn ein großes Hoffnungszeichen, dass ausgehend von einer „hartnäckigen Jugendlichen in Schweden“ inzwischen „Schülerinnen und Schüler in aller Welt auf die Straße gehen, um für wirksame Maßnahmen des Klimaschutzes zu demonstrieren“, sagte der EKD-Ratsvorsitzende. Dass auch am Freitag in Berlin Tausende Schülerinnen und Schüler gemeinsam mit Greta Thunberg für die Bewahrung der Schöpfung einträten, zeige, wie unsinnig die Pauschaldiagnosen über die angeblich „selbstzentrierte und unpolitische Jugend von heute“ seien, sagte Bedford-Strohm.

Für Maybritt und ihre Freundin Albburona aus Leverkusen ist die Sache ernst. Sie freuen sich auf die Europawahl, Maybritt wird am selben Tag 18 Jahre alt. Was die Parteien zum Klimaschutz sagen, ist für sie wichtig. Wem sie ihre Stimme geben werden, haben sie aber noch nicht entschieden. Klar ist nur: Bei den Protesten wollen sie auch künftig mitmachen. Und dass sie dafür Fehlstunden eingetragen bekommen, nehmen sie in Kauf. An diesem Freitag haben sie sogar Glück: Zu Hause in Leverkusen fällt der Unterricht aus – und sie sind trotzdem auf der Straße.

(jd)
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