Berlin: "Gorch Fock": Neue Vorwürfe

Berlin: "Gorch Fock": Neue Vorwürfe

Das Segelschulschiff wartet vor der Küste Argentiniens auf die Ankunft einer Untersuchungskommission. So lange wird die Mannschaft von Land und Medien abgeschottet. Die Marinesoldaten leiden angesichts der Debatte unter einer "ganz fürchterlichen Stimmung an Bord", wie Eltern berichten.

Die Wogen rund um die "Gorch Fock" toben immer höher und heftiger. Der Sturz der 25-jährigen angehenden Marine-Ärztin Sarah Lena Seele aus der Takelage in den Tod ließ am 7. November die Stimmung an Bord so eskalieren, dass die Offiziersanwärter mit dem Vorwurf der Meuterei nach Hause geflogen wurden. Und die öffentliche Debatte um die vermuteten Zustände an Bord führt nun auch zu scharfen Kontroversen zwischen Kritikern und Verteidigern des legendären Segelschulschiffs.

Das Schiff liegt vor dem Hafen von Ushuaia (Feuerland) und wartet darauf, dass eine Untersuchungskommission an Bord kommt. Reporter- und Fernsehteams wollen Kontakt zu der Besatzung aufnehmen – dürfen aber nicht. Umgekehrt ist die Besatzung vom Landgang ausgeschlossen. Es herrsche eine "ganz fürchterliche Stimmung an Bord", schilderte ein Mitglied der Stammbesatzung seinen Eltern. 200 Leute seien "total abgeschirmt", lebten auf "engstem Raum" und verfolgten "verwundert und verärgert", was in Deutschland über sie berichtet werde, erfuhr unsere Zeitung von Angehörigen.

Stoff für neue Verdächtigungen gibt es fast im Stundentakt. Da soll der suspendierte Kommandant Norbert Schatz im Gespräch mit Marine-Inspekteur Axel Schimpf zugegeben haben, von "minderwertigem Menschenmaterial" gesprochen zu haben. Kaum in der Welt, schüttelt Schimpf im Verteidigungsausschuss entschieden den Kopf: "Das stimmt nicht."

Aber es hätte ins Bild gepasst. Das hat Schatz markig mit geprägt. An Bord gehe es darum, "aus verhätschelten Individualisten Seeleute und Teamspieler zu formen", ließ sich Schatz gerne zitieren. Einer seiner Vorgänger, Hans Freiherr von Stackelberg, hat eine Idee, was denn hinter dem aktuellen Dilemma stecken könnte. Nicht das Schiff sei untauglich geworden, sondern "unser heutiger Nachwuchs", stellte er auf der "Gorch-Fock"-Fanseite im Internet fest.

Die seit Tagen diskutierten Vorwürfe um Drangsalierungen, Alkoholexzesse und sexuelle Belästigung erhielten eine unappetitliche Ergänzung. Die "Bild"-Zeitung bekam Fotos von einer Äquatortaufe zugesandt, bei der die Gaudi darin bestanden haben soll, Kameraden durch eine Wanne mit Erbrochenem zu ziehen und angeblich dem verkleideten Kommandanten die Füße zu küssen. Erfahrenen Marine-Offizieren platzt da der Kragen.

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"Wir sind in der Marine doch keine Ansammlung von Menschenschindern und Wegelagerern", sagt Kapitänleutnant Uwe Sommer, Marine-Vorsitzender im Deutschen Bundeswehrverband, unserer Zeitung. Auch wenn es in der Öffentlichkeit so rüberkomme, so werde die Freiwilligkeit an Bord groß geschrieben, und zwar sowohl bei der Äquatortaufe als auch beim Reffen der Segel: "Da wird keiner mit der Peitsche in die Wanten getrieben."

Die Sorge von Eltern, die sich angesichts der Vorwürfe Sorge um ihre Söhne und Töchter an Bord machen, kann Sommer verstehen, er will sie aber zerstreuen. Tatsächlich sind "nur" die Offiziersanwärter ausgeflogen worden. Eine größere Gruppe von Wehrpflichtigen, die den Segeltörn nach Absolvieren der Marinetechnikschule als Belohnung angeboten bekam, ist weiter an Bord. Nach dem Unfall könnten sie sicher sein, so betont Sommer, "dass dort jetzt eine große Sensibilität herrscht".

Nach der Rückkehr der "Gorch Fock" nach Kiel will die Marine die Ausbildung auf den Prüfstand stellen. In einer Kommission sollen auch Bundestagsabgeordnete mitarbeiten, kündigte das Ministerium im Verteidigungsausschuss an. Die Opposition tut sich schwer damit. Sie wolle nicht mit in Details hineingezogen werden, die eigentlich zum Regierungshandeln gehörten, hieß es am Rande der Sitzung.

Nachdrücklich setzen sich Politiker von Koalition und Opposition für ein Festhalten an der "Gorch Fock" ein: "Diese Ausbildung ist die einzige richtige Gelegenheit, das Führen am eigenen Leibe zu erleben", erklärt Sommer. Es möge antiquiert erscheinen, dafür ein Segelschiff zu nehmen, aber "nirgendwo anders sind sie näher an der Natur, näher in der Konfrontation mit Wind, Wellen, Unwägbarkeiten und dieser Enge an Bord." Die zentrale Frage für den erfahrenen Seefahrer: "Wie wollen Sie einem Marineoffizier sein Handwerkszeug mitgeben, wenn nicht idealerweise durch eine Institution wie der ,Gorch Fock'?"

Internet Bei der Ausbildung auf der "Gorch Fock" an Bord: Bilder unter www.rp-online.de/politik

(RP)
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