"Verbrechen gegen die Juden begangen und unterstützt": Goldhagen klagt Kirche wegen Mitschuld am Holocaust an

"Verbrechen gegen die Juden begangen und unterstützt" : Goldhagen klagt Kirche wegen Mitschuld am Holocaust an

Hamburg (rpo). Daniel J. Goldhagen ist US-Politologe und Bestseller-Autor ("Hitlers willige Vollstrecker"). Er klagt die katholische Kirche an, den Massenmord der Nazis an den Juden ideologisch und praktisch unterstützt zu haben.

"Die Kirche und ihr Klerus haben in ganz Europa unbestreitbar viele Verbrechen gegen die Juden begangen und unterstützt", sagte Goldhagen dem Hamburger Magazin "Stern" (aktuelle Ausgabe). "Der Antisemitismus war eine notwendige Bedingung für den Holocaust."

Goldhagen fordert eine moralische Abrechnung mit dem Verhalten der Kirche während der Nazi-Zeit. "Die deutsche Kirche half sogar aktiv und willig, die Rassengesetze durchzusetzen, indem sie Zugang zu Abstammungsurkunden aus Kirchenarchiven gewährte. Viele Kleriker waren jedenfalls Komplizen", so Goldhagen, dessen neues Buch "Die katholische Kirche und der Holocaust" am Freitag (27. September) mit der Erstauflage von 50 000 Exemplaren in Deutschland erscheint.

Der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, weist die Vorwürfe größtenteils zurück. Bis zu 80 Prozent der im deutschen Machtbereich überlebenden 900 000 Juden seien von kirchlichen Einrichtungen gerettet worden, sagte Lehmann im "Stern". "Trotzdem kann man bedauern", so der Kardinal über den umstrittenen Pius XII., "dass der Papst den Mord an den Juden nicht öffentlich angeklagt hat".

Auch sei es erschreckend, dass die Bischöfe die Bedeutung der Menschenrechte für alle nicht im heute üblichen Maße erkannt hätten. Darüber hinaus befürwortet Kardinal Lehmann eine vollständige Öffnung der Vatikan-Archive für diesen Zeitraum: "Ich bin sicher, es würde sich dann auch viel Entlastendes für die Kirche finden."

Goldhagen hatte mit seinem Buch "Hitlers willige Vollstrecker" 1996 in Deutschland heftige Diskussionen ausgelöst. Seine Hauptthese war, dass die Deutschen wegen ihres pathologischen Hasses auf die Juden zu fast freudigen Vollstreckern des Genozids wurden. Goldhagen sah den Völkermord an den Juden als logische Folge des krankhaften Antisemitismus in der deutschen Geschichte seit Beginn des 19. Jahrhunderts.

(RPO Archiv)
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