Mit Verlaub!: Go West - das ist der richtige Kurs

Mit Verlaub! : Go West - das ist der richtige Kurs

200 Jahre nach Bismarcks Geburt befinden sich alte Linke und neue Rechte auf Gegenkurs zur deutschen Westverankerung. Bismarck beherrschte die Mittellage der Nation. Heute wäre sie töricht und schädlich.

Am 1. April vor 200 Jahren wurde der Reichsgründer Otto von Bismarck geboren. Er setzte 1871 Deutschland aufs Pferd. Und siehe da, es konnte reiten. Auch weil Bismarck, den sein grandioser Nachfolger Konrad Adenauer 80 Jahre später einen schlechten Innen-, aber einen großen Außenpolitiker nannte, dem kolossalen Ross die Zügel gab; auf dass es trotz politisch heikler Mittellage zwischen Russland im Osten und Frankreich sowie dem Vereinigten Königreich im Westen diplomatisch auf Kurs blieb, nicht aus der Balance geriet. Nur einem Titanen der Staatskunst konnte die diplomatische Jonglage mit vielen Kugeln gelingen: Nachdem der junge Großtuer Wilhelm Zwo den alten Fürsten aus dem Spiel genommen hatte, saß zu viel Durchschnittliches im Sattel, bis ein österreichischer Jahrhundertverbrecher das Pferd Deutschland um ein Haar zu Tode geritten hätte.

Heute ist Bismarcks Koloss eine fest in der Europäischen Union verankerte mittlere Macht - mit mehr Hirn als Muskeln. Hoffentlich bleibt das so. Die Verankerung der Bundesrepublik Deutschland im Westen war das historisch entscheidende Werk des Kölner Bürgersohns Konrad Adenauer. Kein Nachfolger rückte auch nur einen Millimeter von diesem Kurs ab. Er bedeutete ab 1949 die entscheidende deutsche Achsenverschiebung. Mit Verlaub, liebe ostdeutsche Landsleute: Noch heute, 25 Jahre nach der Wiedervereinigung, rufe ich: Hoch lebe die Rheinische Republik, aus Bonn regiert, von dort, wo bei Rhöndorf die ersten Reben wachsen. Nur allpreußisch denkende Deutschnationale und hanseatisch getränkte Nationalliberale wie "Spiegel"-Kopf Rudolf Augstein zogen dazu hochmütig die Brauen.

Jetzt, wo ein großmachtsüchtiges Russland seine Karten gefährlich überreizt, kommen Unterströmungen im deutschen Seelenhaushalt zum Vorschein: Nicht alle Landsleute setzen auf die feste Verwurzelung im Westen; darunter sind ewige Linke und neue Rechte; beide halten gedanklich Gegenkurs zum Westen, weil sie ihn US-amerikanisch gesteuert sehen. Gestern hetzten selbst ernannte Anti-Imperialisten gegen eine Nato-Nachrüstung als Antwort auf sowjetrussische Atomraketen. Heute säuseln sie, assistiert von prominenten politischen Recken, verständnisvoll über Wladimir, den Unverstandenen. Ich empfehle den Putin-Verstehern Gedanken des gegenwärtig bedeutendsten deutschen Historikers: Heinrich August Winkler. Fazit: Bloß keinen neuen deutschen Sonderweg mehr! Oder: Bleibe im Westen und nähre dich redlich, Deutschland!

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(RP)