Digitale Netzwerke Von nichts gestresst

Meinung | Düsseldorf · Viele fühlen sich ständig überfordert, sehnen sich nach „Zeit für sich“, obwohl sie äußerlich ein ruhiges Leben führen. Das kann daran liegen, dass man unbemerkt Zeit verliert. Mit dem Smartphone zum Beispiel.

Auf dem Bildschirm eines iPhones wird die App Instagram angezeigt. (Symbolbild)

Auf dem Bildschirm eines iPhones wird die App Instagram angezeigt. (Symbolbild)

Foto: dpa/Fabian Sommer

Menschen können sich von ihren Handys absorbieren lassen. Sie erstarren dann regelrecht mitten in ihrem Tun, bekommen kaum mit, wenn sie angesprochen werden. Auf dem Mobilgerät verfolgen sie gebannt, was Freunde, Familie, Bekannte in den sozialen Netzwerken posten, wo es sie in den Ferien hinverschlagen hat, welche Köstlichkeiten sie gerade verspeisen oder welche Sportart sie treiben. Andere Quellen informieren in Häppchen über Geschehen rund um den Globus. Es gibt Bilder, Musik, Nachrichten. Das ist unterhaltsam, mehr oder weniger informativ und oft zumindest so amüsant, dass Leute viel freie Zeit an ihren Privatbildschirmen verbringen.

Äußerlich bewegen sich viele also weniger. Sie machen es sich bequem mit dem Smartgerät, wirken entspannt. Man könnte also erwarten, dass die Gesellschaft auch insgesamt gelassener wird, doch das Gegenteil scheint der Fall. Viele fühlen sich ständig gehetzt, haben Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren, brauchen ewig für Aufgaben, die nach ein wenig Sammlung verlangen. Das hat mir der hohen Frequenz der Informationsvermittlung auch bei harmloser Zerstreuung zu tun. All die Bilder, Grüße, Nachrichten, von denen man kaum genug bekommen kann, lassen einen zugleich oft erschöpft zurück. Das ist nicht entspannend, weil es die Gedanken nicht sortieren, den Kopf nicht leeren hilft, sondern immer weiter füttert und fordert. Zugleich frisst all die Kommunikation Zeit, die für andere Dinge fehlen. Und so hetzt man sich durch seine Tage.

Die Nutzungszeiten für digitale Netzwerke steigen immer weiter. Gerade für junge Leute ist das selbstverständlicher Teil des sozialen Lebens, und es hat viele Vorteile, gut vernetzt zu sein. Zugleich ist aber auch das Gefühl der Überforderung weit verbreitet und die Sehnsucht nach „Zeit für sich“ ein Riesenthema. Das Handy selbst bietet Lösungsmöglichkeiten, etwa mit Apps zur Einteilung von Nutzungszeiten. Technikverteufelung hat noch nie geholfen, es geht um klugen Umgang. Der aber beginnt mit Selbstbeobachtung.

Unsere Autorin ist Redakteurin des Ressorts Politik/Meinung. Sie wechselt sich hier mit unserem stellvertretenden Chefredakteur Horst Thoren ab.

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