Gesellschaftskunde : Verbundenheit erleben

Abhängigkeit gilt als Schwäche. Corona lehrt, das anders zu sehen.

Mit dem Begriff Freiheit werden meist Bilder starker, einzelner Menschen verbunden. Sie fahren auf dem Motorrad einsame Highways entlang, stehen auf Berggipfeln oder Felsvorsprüngen, unter sich die Brandung, und breiten die Arme aus. Freiheit, das steht für Unabhängigkeit, für das Gefühl, sich losgelöst von allen Zwängen in die Welt zu werfen. Natürlich hat das mit Selbstbewusstsein zu tun, mit dem Gefühl, es allein weit zu bringen, Anstrengungen zu meisten, Gefahren zu bestehen. Hohe Werte in einer Gesellschaft, die auf individuelle Leistung und Verantwortung baut.

In der Krise ist nun nicht nur die Bewegungsfreiheit eingeschränkt, viele Leute erleben auch bewusster, dass sie abhängig sind von der Gemeinschaft, vom Gesundheitssystem, von Lebensmittelversorgung, von der Vernunft der anderen, die Abstand halten, Mundschutz tragen, Nachbarn helfen. Solche Formen von Angewiesensein kann man als Kränkung fürs eigene Ego empfinden. Oder aber als Anregung verstehen, neu über Abhängigkeit nachzudenken, darin womöglich nicht nur etwas Einschränkendes zu sehen, sondern einen Wert: Verbundenheit. Das bedeutet Abhängigkeit nämlich auch: Man steht nicht allein da, kann sich auf andere verlassen.

Es im kleinen Team auf einen Berggipfel geschafft zu haben, ist ein großer Moment. Von solchen Erlebnissen kann man lange zehren. Hilfe von anderen zu erfahren, selbst etwas zurückzugeben, ist weniger spektakulär, weniger erhaben, aber nicht weniger erhebend. Denn es ist das Erlebnis, vertäut zu sein im Miteinander. Sich zu verstricken in das Geben und Nehmen in der Gesellschaft, ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Vitalität. Das ist trotz aller Einschränkungen durch Corona allerorten zu erleben.

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Autorin: kolumne@rheinische-post.de