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Gesellschaftskunde: Warum wir in einer Geschmacks-Kultur leben

Gesellschaftskunde : Warum wir in einer Geschmacks-Kultur leben

In diskussionsfreudigeren Zeiten galt die Kraft des besseren Arguments. Heute geht es darum, Meinungsbekundungen zu mögen oder nicht – der Geschmack ist zum Ausweis des Individuellen geworden.

Als im Fernsehen noch geraucht werden durfte, saßen da oft Menschen im Tabaknebel und stritten über die Ostpolitik oder die Startbahn West oder Wackersdorf. Diskutieren war in – spätestens seit der Studentenbewegung. Und wenn es mal ganz hitzig zuging, holte Ton-Steine-Scherben-Manager Nikel Pallat die Axt heraus, zerhackte vor Wut den Studiotisch und befreite sich so vom Zwang zum besseren Argument.

Heute geht's nicht mehr ums Meinen, sondern ums Mögen. In den sozialen Netzwerken tauschen die Nutzer keine Argumente aus, sondern bekunden Gefallen oder Missfallen. Die Begegnung im Internet ist ja auch meistens zeitverzögert: Der eine stellt irgendeinen Gedanken ins Netz, der andere hebt oder senkt den Daumen. Das zielt nicht auf Austausch, auf das bessere Argumente, auf das Hin und Her des Streitens, sondern auf Bewertung. Der eine findet, Til Schweiger nuschele und ballere zu viel im "Tatort", der andere freut sich über den Bruce Willis von der Alster. These, Antithese, Ende der Debatte. Keine Entwicklung im Diskurs, kein Abwägen, kein Revidieren. Nur Schlagfertigkeit im Einmal-Austausch. Und: "Mag ich" oder "Mag ich nicht".

Der Wandel von der Diskussions- zur Bewertungskultur hat wohl damit zu tun, dass die meisten Menschen Geschmack für eine besonders subjektive Sache halten. Für ein Accessoire ihrer Persönlichkeit. Was einem gefällt, verrät, wer man ist, es ist essenzieller Bestandteil der Selbstmodellierung. Dazu kann sich einen Geschmack jeder leisten. Während Autos, Klamotten oder das schicke Eigenheim nur teuer zu haben sind, ist es kostenfrei, Dinge gut oder schlecht zu finden. Das ist Empfindungsdemokratie. Und wer keinen Geschmack hat, hat natürlich auch einen.

Vielleicht ist der Geschmack aber gar nicht "Produkt der Subjektivität", wie der Philosoph Robert Pfaller schreibt, sondern das Subjekt benötigt umgekehrt den Geschmack, um sich überhaupt als Individuum zu empfinden. Demnach greift der Einzelne auf dem Markt der Meinungen zu Positionen, die zu seinem Selbstbild passen, und zeigt den anderen dadurch, wie er gesehen werden will. Sein Urteil ist Teil seines Outfits wie die neueste Röhrenjeans. Das Verschwinden des Individuellen in der Konsumgesellschaft fordert also geradezu heraus, dass alle ständig ihren Geschmack bekunden: So behaupten sie ihre Unverwechselbarkeit.

Als im Fernsehen noch geraucht wurde, ging es darum, in endlosen Diskussionen als rhetorischer Held zu glänzen. Heute wollen Menschen wegen ihres Geschmacks bewundert und im Internet beachtet werden. Sie wollen, dass andere ihren Äußerungen ein "Mag ich" schenken, und verstehen es als "Mag dich". Wer hörte das nicht gern?

Ihre Meinung? Schreiben Sie unserer Autorin: kolumne@rheinische-post.de

(RP)