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Gesellschaftskunde: Warum Wahrhaftigkeit Menschen so bewegt

Gesellschaftskunde : Warum Wahrhaftigkeit Menschen so bewegt

Die Moderne verlangt von Menschen, sich ihren Rollen anzupassen. Doch wirklich überzeugend sind Menschen, die aus innerer Reife schöpfen – so wie der neue Papst.

Die Moderne verlangt von Menschen, sich ihren Rollen anzupassen. Doch wirklich überzeugend sind Menschen, die aus innerer Reife schöpfen — so wie der neue Papst.

Etwas berührt an diesem Menschen, der sich nun Franziskus nennt. Etwas, das so stark ist, dass es auch durch Fernsehbilder wirkt, die Distanz der medialen Vermittlung überwindet — und die Skepsis gegenüber der katholischen Kirche. Dieses Etwas ist Wahrhaftigkeit.

Sie liegt in dem schlichten "Buona sera", dem weltlichen "Guten Abend", das der neue Papst sprach, als er auf die Loggia des Petersdoms trat. Mit diesem schlichten Gruß unterwanderte er das Zeremonielle, den ungeheuren Druck des Augenblicks, trat als Mensch vor Menschen und erwies seinem Amt von der ersten Sekunde an den höchsten Dienst: Er wirkte zutiefst human, unverstellt, eins mit sich. Seither ist Franziskus zu erleben als ein Mann, der aus seinem Inneren schöpft, dessen Gesten natürlich wirken, dessen Sprache wahrhaftig ist. Das sagt noch nichts darüber, ob es ihm gelingen wird, ausgerechnet vom Vatikan aus seine Kirche in eine arme Kirche zu verwandeln, in eine Gemeinschaft, die sich nicht hinter Brokat verschanzt, sich nicht in Machtspielchen verzettelt. Doch es ist bemerkenswert, welche Wirkung eine defensive Tugend wie Wahrhaftigkeit heute entfalten kann.

Das liegt wohl daran, dass in der Öffentlichkeit allzu oft jene Aufmerksamkeit erlangen, die nur posieren, ihre Auftritte inszenieren, auf Wirkung spekulieren. Man kann es diesen Menschen nicht übelnehmen, es liegt ja in der Zeit, an seiner Wirkung zu arbeiten, zu modellieren, was man darstellt, statt darauf zu achten, was man ist. Das predigen all die Ratgeber, die Menschen Selbstoptimierung verordnen — für alle Lebenslagen vom Bewerbungsgespräch bis zum Rendezvous. Nie ist in diesen Büchern davon die Rede, dass es im Leben doch um innere Reife gehen müsste. Und die erwirbt der Mensch, wenn er sich dem Leben öffnet, auf andere zugeht, mitfühlt, mithilft, sich einlässt und das alles reflektiert. So kann Leben, so kann Gemeinschaft funktionieren. Doch unter ökonomischem Druck haben sich andere Maßstäbe durchgesetzt, glauben die Menschen, sie müssten an ihrem Äußeren arbeiten, sich in Rollen fügen, deren Profil ihnen von anderen verordnet wird.

Mit dem Jesuiten aus Argentinien ist ein Mann in die Weltöffentlichkeit getreten, den das Leben in einem Orden, im Engagement für die Armen, unter einer Diktatur geformt hat. Die Begeisterung für diesen Papst beweist, dass Menschen spüren, wenn einer ein tiefes Anliegen hat und mit seinem Leben dafür einsteht. Das Empfinden für Wahrhaftigkeit ist nicht verloren.

Ihre Meinung? Schreiben Sie unserer Autorin: kolumne@rheinische-post.de

(RP)