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Gesellschaftskunde: Warum Altweiber nur noch gespielte Revolution ist

Gesellschaftskunde : Warum Altweiber nur noch gespielte Revolution ist

Als es noch Proletarier gab in Deutschland, war Altweiber ein rebellisches Vergnügen. Heute kämpfen Frauen gegen Herrenwitze – und den Vorwurf, humorlos zu sein.

Heute übernehmen also doch die Frauen die Macht. Heute schnibbeln sie wieder an ollen Krawatten herum, die Kollegen sich wie Köder um den Hals hängen – passend zum Gesicht mit dem Gönnerlächeln. Heute tun die Frauen wieder, als ob sie aufmüpfig wären, böse Emanzen im Schrullenkostüm. Einen Tag lang lassen sie die Arbeit liegen, sind nicht verbindlich, ausgleichend, multitasking-bereit. Stattdessen zelebrieren sie selbstbewusstes Gehabe hinter Altweibermasken, Ausgelassenheit auf Ansage.

Rebellisch war das, als es noch Proletarier gab in Deutschland. Und Wäscherinnen mit muskulösen Oberarmen und herbem Humor, die in Bonn-Beuel ein Festkomitee gründeten. Weil sie das auch konnten, nicht nur die Männer. Das war die Zeit, als es in Rathäusern noch keine Servicepoints gab und keine Gleichstellungsbeauftragte, und Städte ausschließlich von Männern regiert wurden. Wie der Karneval.

Doch heute ist der Geschlechterkampf kein Klassenkampf mehr. Heute entzündet er sich an Herrenwitzen. Journalistin gegen Politiker, das ist dasselbe Milieu, nur in unterschiedlichen Generationen – auch im Spaßempfinden. Heute kämpfen Frauen nicht mehr um Teilhabe, sondern müssen sich dagegen wehren, als humorlose Spielverderberinnen dazustehen, berechnende Karriereluder, die sich nicht so haben sollen.

In solchen Zeiten wirkt die Rathausstürmerei seltsam piefig, ist das Krawattenschnibbeln zahmer Angriff im biederen Büromuff. Genehmigte Lustigkeit. Harmloses Ritual. Genau wie die "Tagesschau", in der ein Sprecher mit ernster Miene von der Erstürmung der Rathäuser berichtet. Immer derselbe Text, dieselben Bilder aufgeregter Möhnen, die ins Mikro japsen. Revoluzzerinnen, die niemand fürchten muss.

Altweiber ist nicht mehr politisch, darum darf man über Karneval auch nicht mehr allzu viel nachdenken. Vielleicht liegt darin die Rebellion unserer Tage: Einfach mal den Reflexionsapparat herunterfahren, Warzennase aufsetzen, den Männern an den Schlips gehen und so tun, als halte man das noch immer für einen Akt des Aufbegehrens. Schließlich haben die Wäscherinnen von einst den Frauen Terrain erobert. Im Karneval wurde geprobt, wie es ist, wenn Frauen Macht erobern. Später wurden sie Kanzler. Die ersten Möhnen haben gekämpft und hatten Spaß dabei. Sie haben verdient, dass ihre Enkelinnen heute ein Glas auf sie heben.

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(RP)