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Gesellschaftskunde: Von der Gefahr gedanklicher Bequemlichkeit

Gesellschaftskunde : Von der Gefahr gedanklicher Bequemlichkeit

Es wächst die Unlust, sich mit Dingen zu beschäftigen, die sich nicht auf den ersten Blick erschließen. Doch diesen Anti-Intellektualismus kann sich eine moderne Gesellschaft nicht leisten.

Nun kocht er also wieder sein Suppenhuhn in Wein: Til Schweiger hat "Kokowääh" Teil zwei ins deutsche Kino gebracht und gleich die Spitze der Charts übernommen. Ist ja auch nett, einer gediegenen Metrofamilie dabei zuzusehen, wie sie harmlose Schwierigkeiten locker meistert. Das entlastet vom eigenen Leben, in dem Probleme meist hartnäckiger sind. Außerdem gibt sich in Schweiger-Filmen stets Zeitgeist zu erkennen. Darum ist es bemerkenswert, dass in "Kokowääh 2" die Figur eines Regisseurs auftaucht, der allein deswegen der Depp der Geschichte ist, weil er Kunstfilme produziert. Filme, über die man nachdenken muss, die sich nicht so leicht vernaschen lassen wie Popcorn aus dem Eimer. Bei Schweiger ist dieser Filmemacher eine verquälte Person mit fettigem Haar, die postmodern herumstammelt und Mädchen bestechen muss, damit sie sich als seine Groupies ausgeben. Die Mädchen sind übrigens offensiv dämlich und sehr stolz darauf.

Sicher wird über die Figur des Kunstfilmers in den Kinosälen herzlich gelacht, denn es passt ja in die Zeit, Kompliziertes abzulehnen und höheren Anspruch lächerlich zu finden. In der Informationsüberflussgesellschaft fällt eben durch, was sich nicht auf den ersten Blick erschließt. Und bevor man sich quält, sich in anderer Leute Gedanken hineinzuarbeiten und dabei gar Hürden nehmen muss, verschränkt man lieber die Arme vor der Brust, setzt das Überlegenheitslächeln auf und erklärt "den Schrott" für überflüssig.

Künstler kennen das. Lehrer kennen das. Sie arbeiten ja an der Frontlinie der Ignoranz, hören ihre Schüler stöhnen, wenn da ein Fremdwort im Text auftaucht oder der Musiklehrer mal bei Bach beginnen will, statt schon wieder mit der Klasse zu rappen. Natürlich sind nicht alle Jugendlichen so und natürlich gehört es zum Jungsein, Erziehung als Zumutung zu empfinden. Lehrer müssen sich aber auch gegen Eltern wehren, die finden, dass ihre Kinder sich mit nichts mehr beschäftigen müssen, was sich nicht direkt rentiert, was nicht offensichtlich nützlich ist fürs Fortkommen. Aus dem Effizienzdenken unserer Zeit ist ein Anti-Intellektualismus geworden, der uns teuer zu stehen kommen könnte. Nicht nur, weil Institute wie Opern oder Theater, die unsere Kultur bewahren, ohne Nachwuchs nicht zu halten sind. In einer Gesellschaft, in der gedankliche Bräsigkeit hoffähig ist, werden keine Erfindungen gemacht, wird auch nicht kritisch hinterfragt, was zu ändern wäre.

Darum brauchen wir Intellektualität, brauchen Menschen, die Freude an Dialektik haben, die ihren Geist gern beweglich halten und Irritierendes nicht als Zumutung empfinden, sondern als Herausforderung. Wer sich die Freude am Widersprüchlichen bewahrt, kann ruhig auch mal in einen Schweiger-Film gehen. Und sich seinen Teil denken.

Ihre Meinung? Schreiben Sie unserer Autorin: kolumne@rheinische-post.de

(RP)