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Gesellschaftskunde: Vom Druck des Einzelnen, sich anpassen zu müssen

Gesellschaftskunde : Vom Druck des Einzelnen, sich anpassen zu müssen

Im Zeitalter der Fabriken und Kasernen beherrschten Institutionen des Zwangs den Menschen, Heute diszipliniert er sich selbst – um nicht aus dem sozialen Gefüge zu fallen.

Im Zeitalter der Fabriken und Kasernen beherrschten Institutionen des Zwangs den Menschen, Heute diszipliniert er sich selbst — um nicht aus dem sozialen Gefüge zu fallen.

Die Moderne gibt sich unter anderem dadurch zu erkennen, dass Orte des Zwangs, wie Fabriken oder die Armee, weniger Personal benötigen. Die Technik schreitet voran, ersetzt Menschen am Fließband. Kriege werden mit unbemannten Hightech-Drohnen geführt. So ist mit all den Rationalisierungsschüben seit der Industriellen Revolution ein gewisser Ton von Drill und Disziplin aus der Gesellschaft verschwunden, damit aber auch eine schlichte Form von Gewissheit, die Menschen in der ungewissen Moderne auch Erleichterung verschafft hat. Es ist nicht angenehm, im Stahlwerk an der Walzstraße zu schuften, doch die Malocher-Identität schenkt auch ein eindeutiges Selbstbewusstsein, und der Arbeitsplatz auf Lebenszeit lässt ruhig schlafen. So glauben manche Soziologen, dass nicht nur materieller Druck, sondern auch die Furcht vor der Ungewissheit im modernen Leben die Menschen dazu getrieben hat, sich dem Zwang körperlich erschöpfender Arbeit oder dem Drill auszuliefern.

Heute können Arbeitsbiografien keine Gewissheiten mehr schenken. Die Furcht vor der Ungewissheit wird auf anderem Feld bekämpft: Menschen ordnen sich gesellschaftlichen Normen unter, sie disziplinieren sich selbst, passen sich den fein ausdifferenzierten Erwartungen in ihrer sozialen Schicht an, weil auch das ihrem Leben Gewissheit gibt: nämlich dazuzugehören, anerkannt, ja geliebt zu sein. Darum ist es heute so wichtig, welche Marken man trägt, welche Musik man hört, wo man wohnt. Und dass man auch andere Konventionen erfüllt, heiratet, Kinder bekommt. Mit dem Rückzug der Institutionen, die Zwang ausüben, mit dem Niedergang der Fabriken, dem Verschwinden der Kasernen, der Reformierung autoritärer Schulanstalten, verlagert sich die gesellschaftliche Kontrolle auf den Einzelnen, auch der Drill erlebt eine Individualisierung. Patriarchale Vorarbeiter, strafende Lehrer sind verschwunden, nun ist Disziplin Sache der Selbstüberprüfung geworden. Der moderne Mensch hat verinnerlicht, dass er selbst verantwortlich ist für sein Fortkommen, auch sein privates Glück, und hält es für seine individuelle Pflicht, durch konformes Verhalten nicht aus dem sozialen Gefüge zu rutschen.

Der äußere Zwang ist also geschwunden in der liberalen westlichen Gesellschaft, doch bleibt die Frage, wie frei der Einzelne tatsächlich geworden ist. Erst wenn Menschen die verborgenen Zwänge erkennen, können sie die inneren Abhängigkeiten überwinden und nach wirklicher Freiheit streben: nach der Freiheit, so zu sein wie sie sind, und den Nächsten so zu akzeptieren, wie er ist.

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(RP)