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Kolumne: Gesellschaftskunde: Rührung ist ein Gefühl, Mitleid eine Haltung

Kolumne: Gesellschaftskunde : Rührung ist ein Gefühl, Mitleid eine Haltung

Menschen sind unter schrecklichen Bedingungen auf der Flucht. Ihre Bilder rühren. Doch bewirkt das auch etwas?

Wenn Menschen in diesen Tagen immer wieder Bilder anschauen von Flüchtlingen, die an den Grenzen Europas eintreffen, wenn sie in überfüllte Zelte blicken und verfolgen, wie erschöpfte Menschen auf Trampelpfaden durch halb Europa in die Freiheit laufen, dann löst das immer öfter eines aus: Unbehagen. Denn als Zuschauer sind die meisten Menschen ja ohnmächtig. Kein Wunder also, dass sich manche den Ereignissen ausgeliefert fühlen. Und das nährt kein Mitgefühl, sondern Ängste.

Natürlich ist die Berichterstattung notwendig. Natürlich liefern "die Medien" auch viele Hintergründe, die manche Ängste zerstreuen können. Und manche Bedenken sachlich stützen. Doch es sind die emotionalen Bilder, die beeindrucken und die hängenbleiben. Das gilt auch für die Darstellung manch entfernter Länder, die im Bewusstsein der Massen nur im Katastrophenmodus existieren. Und leider machen sich viele gar nicht mehr klar, wie wenig sie eigentlich über das wirkliche Leben in solchen Regionen wissen.

Es ist der Rührfaktor, der die Wahrnehmung verzerrt. Denn Rührung gilt zwar als zutiefst menschliche Emotion - Tiere können nicht weinen. Doch Rührung ist ein unreflektiertes Gefühl. Das kann Gutes auslösen, vor allem aber liefert es den Menschen dem reinen Empfinden aus. Und Empfindungen sind launisch. Sie sind auch anfällig dafür, geschürt, verstärkt, ausgenutzt zu werden.

Mitleid dagegen ist eine Haltung. Mitleid ist ein Gefühl, das die Vernunft nicht abschaltet. Einer, dem es gutgeht, macht sich klar, was einer, den er leiden sieht, mitmacht. Er empfindet mit ihm, aber er lässt sich nicht nur von Empathie überwältigen, sondern entwickelt seine Empfindungen gestützt durch sein Wertegerüst. Darum wirkt Mitgefühl nach außen weniger emotional als Rührung, es berührt den Menschen aber meist viel tiefer, ernster, nachhaltiger. Er weiß, warum er mitempfindet, und dass seine Empfindung Handeln erfordert. Rührung ist selbstgefällig und kann lähmen. Mitleid hingegen lässt nicht untätig.

Bilder, die Emotionen ansprechen, verbreiten sich gut. Das belegen all die Katzenvideos, die in den sozialen Netzwerken geteilt werden. Natürlich ist es nicht schlimm, sich von putzigen Tierchen mit Flauschfell angesprochen zu fühlen. Doch sollte man den Konsum gefühliger Bilder als das betrachten, was er ist: Zerstreuung. Das gilt auch für schreckliche Bilder, die auf die Tränendrüsen drücken. Oft verstellen sie den Blick.

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(RP)