Gescheiterte Wahrheitssuche

Gescheiterte Wahrheitssuche

In Mannheim fand gestern eine Wahrheitssuche ihren Schlusspunkt. Sie endete ergebnislos, scheiterte also in dem Versuch, das zu rekonstruieren, was in der Nacht vom 8. auf den 9. Februar 2010 zwischen Jörg Kachelmann und seiner Freundin geschehen ist. Nur diese beiden kennen die Wahrheit. Und diese könnte – trotz des Freispruchs – eine fürchterliche sein. Aus der großen Öffentlichkeit kehrt der Vorfall somit wieder zurück in die Intimität der Beteiligten, Betroffenen. Künftig wird nur noch jenseits unserer Zeugenschaft die Schuldfrage gestellt werden. Die Fähigkeit zu Reue wie die ungeheure Kraft zur Vergebung sind fortan allein im Leben dieser beiden Menschen von Gewicht.

Ganz wohl haben sich die Richter offenbar nicht gefühlt: Ihr Freispruch nach dem Grundsatz "Im Zweifel für den Angeklagten" ist am Ende keine Ehrerweisung für Kachelmann. Er ist vielmehr eine Geste und bezeugt einen guten Glauben an den Menschen. Und wir, die wir alle unsere Vorurteile hatten und haben? Wir, die wir fast alles zum Prozess gelesen und uns dennoch vom Rummel vornehm distanziert haben? Wir sind die Öffentlichkeit, wir sind die Schwarzers, die Talkshow-Moderatoren, die Prozessbesucher. Und auch wir haben die Wahrheit nicht gepachtet. Wer glaubt, jetzt urteilen zu müssen, sollte darum aufstehen – und schweigen.

Bericht: Freispruch zweiter . . ., titelseite

(RP)