Oradour-Sur-Glane: Gaucks Versöhnungsgeste in Oradour

Oradour-Sur-Glane: Gaucks Versöhnungsgeste in Oradour

Hand in Hand vor Ruinen: In Frankreich verbeugt sich der Bundespräsident vor dem schweren Erbe der Geschichte.

Es sind lange Minuten, in denen sie einfach so dastehen: Hand in Hand, vor den steinernen Wunden einer schmerzhaften Vergangenheit. Eine bewegende und historische Geste der Versöhnung, die unweigerlich an den Händedruck von Frankreichs damaligen Präsidenten François Mitterrand und Bundeskanzler Helmut Kohl vor den Kriegsgräbern von Verdun erinnert. Diesmal sind es die Staatsoberhäupter beider Nachbarländer, die sich gemeinsam vor der Geschichte verbeugen: Bundespräsident Joachim Gauck und sein französischer Amtskollege und Gastgeber François Hollande.

Und dann nehmen sie Robert Hébras in die Arme, einen der wenigen Überlebenden des Massakers von Oradour. Für seinen Staatsbesuch in Frankreich – dem ersten eines deutschen Bundespräsidenten seit 17 Jahren – hätte sich Gauck ein heiteres Ziel aussuchen können. Stattdessen hat er sich entschlossen, der Barbarei der eigenen Geschichte direkt ins Auge zu blicken: In Oradour ragen mit den Ruinen die stummen Zeugen bis heute in den Himmel – genauso, wie sie SS-Männer vor fast 70 Jahren hinterließen.

Nur noch die Tafeln vor den Ruinen sowie rostende Utensilien hinter den eingestürzten Mauern lassen erahnen, dass hier einmal Leben war und ein Dorf stand mit Schreinerwerkstatt, Bäckerei und Krämerladen. Doch seit dem 10. Juni 1944 ist das kleine Oradour in Zentralfrankreich ein Toten-Ort: An diesem Tag töteten SS-Angehörige insgesamt 642 Zivilisten und brannten das Dorf nieder.

Noch nie war ein deutsches Staatsoberhaupt oder ein anderer hochrangiger Vertreter an diesem Ort. Erst 2004 hatte sich Deutschland überhaupt zur Verantwortung für die Gräueltat bekannt und verurteilte in Person des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder (SPD) das Massaker der "entfesselten, unmenschlichen Waffen-SS".

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Während viele, vor allem jüngere Deutsche damals zum ersten Mal von Oradour-sur-Glane hörten, ist der Name in Frankreich fast jedem ein Begriff. "Oradour" steht dort nicht nur für das schwerste Verbrechen der Nazi-Besatzung im eigenen Land, sondern symbolisch auch für Gräuel und Kriegsverbrechen schlechthin. Für Gauck musste es daher "ein schwerer Gang" sein, wie er in seiner Ansprache erklärt – "egal, wie viel Zeit vergangen ist".

Andererseits wäre ein solcher Besuch früher auch gar nicht möglich gewesen. Jahrzehntelang lehnten Opfer-Angehörige jeden Kontakt zu deutschen Staatsvertretern ab. Zu tief saß der Schmerz bei denen, die bei dem Massaker ihre gesamten Familien verloren. Erst mit der Zeit habe ein Umdenken stattgefunden, sagt der heute 88-jährige Hébras: "Die Kinder und Kindeskinder der Opfer wissen, dass die Nachkommen nicht für die Gräuel ihrer Vorfahren verantwortlich sind."

Auch Gauck will zeigen, dass das Deutschland von heute ein anderes ist. Während er in Oradour sein "tiefes Entsetzen" zum Ausdruck bringt, "angesichts der großen Schuld, die Deutsche an diesem Ort auf sich geladen haben", betont er auch, dass sich Deutschland "ernsthaft mit der Vergangenheit auseinandergesetzt" habe. So habe es "geschafft, ein neues Land zu schaffen, das Europa bauen, aber nicht dominieren will".

Gaucks Besuch und seine klug gewählten Worte an der Seite Hollandes dürften in der Tat als weiterer bedeutender Schritt zur Aussöhnung und Vertiefung der engen deutsch-französischen Freundschaft in die Geschichte eingehen. Schon am ersten Tag seines Besuchs in Paris hatte der Bundespräsident die große Bedeutung der Beziehungen zwischen Berlin und Paris hervorgehoben. Über den Rhein bringt der besonnene Pastor zudem ein emotionaleres Bild von Deutschland, als das, was die Franzosen von der nüchternen Bundeskanzlerin Angela Merkel kennen. Er schwärmt auch einmal ganz offen und herzlich von seinem Gastland: "Diese Pferde, die Sonne, das Licht, das ist eine Pracht, von der wir in Berlin nur träumen können."

(RP)
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