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Berlin: Gaucks erste Krisensitzung

Berlin : Gaucks erste Krisensitzung

Kurz nachdem Joachim Gauck am Sonntag im Kanzleramt zwischen Kanzlerin Merkel und SPD-Chef Gabriel Platz genommen und seine präsidiale Nominierung kommentiert hatte ("Ich bin verwirrt"), gründeten sich im Internet bereits erste Anti-Gauck-Gruppen.

Vor allem der politisch links stehende Teil der Republik hatte den Allparteien-Kandidaten wegen früherer Äußerungen ins Visier genommen. So wurden Gaucks Äußerungen zu Thilo Sarrazin und zur antikapitalistischen "Occupy"-Bewegung kritisiert. Die Linke sprach prompt vom "Präsidenten der kalten Herzen", die Grünen verlangten Aufklärung, und der evangelische Pastor Friedrich Schorlemmer vermisste neben dem "Pathos der Freiheit" bei Joachim Gauck das "Pathos der Gerechtigkeit".

Prompt berief Gauck noch gestern Nachmittag sein aus dem Präsidentschaftswahlkampf 2010 bestehendes Team zur Krisensitzung in einem Tagungsraum in Berlin zusammen. Man beriet, ob der designierte Präsident schon vor seiner Wahl öffentlich zu den Vorwürfen Stellung nehmen sollte. Ohne Ergebnis. Doch die ersten Tage nach seiner Nominierung dürften Gauck gezeigt haben, wie rau die politische Realität sein kann, steht man vorne auf der Bühne. Dabei wäre eine Verteidigung durchaus möglich. Denn die Zitate wurden teilweise verkürzt wiedergegeben oder bewusst falsch interpretiert.

Stichwort Sarrazin In einem Interview mit dem "Tagesspiegel" beschied Gauck dem Ex-Bundesbanker Thilo Sarrazin, mit seinem umstrittenen Buch "Mut bewiesen" zu haben. Gauck bezog sich dabei aber nicht auf die Thesen Sarrazins, sondern lobte schlicht die Tatsache, dass der SPD-Politiker das Tabuthema öffentlich gemacht hatte. "Er hat über ein Problem, das in der Gesellschaft besteht, offener gesprochen als die Politik", so Gauck. Daraus könne die politische Klasse lernen, dass "ihre Sprache der politischen Korrektheit bei den Menschen das Gefühl weckt, dass die wirklichen Probleme verschleiert werden sollen". Eine Kumpanei mit Sarrazin lässt sich da schwerlich herauslesen. Zumal sich Gauck von den biologistischen Thesen Sarrazins in früheren Interviews deutlich distanzierte.

Stichwort "Occupy" Die antikapitalistische Bewegung kritisierte Joachim Gauck bei einer Veranstaltung der "Zeit" tatsächlich heftig. Die Proteste würden bald abebben und seien "unsäglich albern", sagte er. Doch Gauck sprach nicht als dogmatischer Neoliberaler, sondern als Realist, der zeit seines Lebens gegen "politische Erlösungsphantasien" vorgeht. Den "real existierenden Sozialismus" hat Gauck am eigenen Leib erfahren. Gauck plädierte lieber dafür, im marktwirtschaftlichen System "die Mängel zu überwinden". Diesen Teil seiner Rede vergessen die Kritiker indes. Selbst der bekannte Internet-Blogger Sascha Lobo sprang für Gauck in die Bresche und kritisierte die Zitate-Sucher in der Netzgemeinde. "Im Kontext bleibt wenig übrig von den aggressiven Vorwürfen, unabhängig davon, wie man zu Gaucks Überzeugungen stehen mag", schrieb Lobo in einem Beitrag für "Spiegel Online".

Damit dürfte er auch die "tageszeitung" meinen, die Gauck in einem Artikel indirekt eine Verharmlosung des Holocaust zuschrieb, weil dieser angeblich gesagt habe, dass der "deutsche Judenmord in seiner Einzigartigkeit nicht überhöht werden dürfe". Tatsächlich hatte Gauck in der betreffenden Rede bei der Robert-Bosch-Stiftung vor einer Trivialisierung des Holocaustgedenkens gewarnt, in dem man so tue, als könne der Holocaust nie wieder passieren und man deshalb gar nicht mehr besonders gedenken müsse. Damit warb Gauck gerade für ein angemessenes, immer wiederkehrendes Gedenken. Doch diese Zeilen der Rede sind den Gauck-Kritikern offenbar abhanden gekommen.

(RP)