Fragen rund um die "Gorch Fock"

Fragen rund um die "Gorch Fock"

Sind die beiden jüngsten tödlichen Unglücke tragische Einzelfälle?

Eine Soldatin starb, weil sie bei schwerer See über Bord ging, die andere stürzte aus den Masten, so dass kein direkter Zusammenhang besteht. Die Marine gibt insgesamt sechs Todesfälle seit 1998 an; über die Opfer seit 1958 gibt es keine Angaben, was Spekulationen nährt. Denn hochgerechnet hätte es dann schon um die 26 Tote gegeben – eine wohl kaum akzeptable Zahl, auch wenn seit 1958 mehr als 14 500 Soldatinnen und Soldaten auf dem Segelschiff zur See gefahren sind.

Bildet die Marine noch zeitgemäß aus?

Das ist strittig. Einerseits ist ein raues Segelschiff eine "Charakterschule", die Individualisten zu Teamarbeitern macht, ein direktes Gefühl für das Meer vermittelt und die eigenen Grenzen erkennen lässt. Andererseits hat ein Marineoffizier heute andere Aufgaben zu erfüllen, und moderne Kriegsschiffe stellen gänzlich andere Anforderungen.

Warum müssen alle Offizieranwärter auf die "Gorch Fock", sogar Sanitäter?

Ausnahmen gibt es bewusst nicht. Die Marine will ihre angehenden Vorgesetzten zur Crew formen und künftige "Klassenunterschiede" zwischen Offizieren auf See, im Stab oder im Sanitätsdienst vermeiden.

Muss jeder in die Takelage?

Grundsätzlich steht es den Kadetten offen, ob sie das Risiko eingehen – so die offizielle Lesart. Gruppenzwang und Sorge um die Karriere werden aber manchen unter Todesangst in die Masten zwingen.

In beiden Fällen traf es Frauen. Ist es fahrlässig, sie in die Wanten zu jagen?

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In Soldatenkreisen werden die letzten Todesfälle mit Frauen intern als Beweis gewertet, dass es falsch gewesen sei, den Frauen auch den Zugang zu den Schiffen zu öffnen. Bis zuletzt kam von dort der größte Widerstand, weil die Enge an Bord und die besonderen Herausforderungen für Frauen ungeeignet seien.

Hat der Kommandant Fehler gemacht?

Das muss die Untersuchung zeigen. Kameraden loben Kapitän zur See Norbert Schatz als erfahrenen Offizier. Sind aber die vielen Vorwürfe von Schinderei über sexuelle Belästigung bis hin zum Diebstahl zutreffend, hat Schatz zumindest seine Aufsichtspflicht grob verletzt.

Hat Guttenberg mit der Abberufung des Kapitäns vorschnell gehandelt?

Der Verteidigungsminister wollte ursprünglich die Ergebnisse der Untersuchung abwarten und nach der Devise "prüfen, abstellen, Konsequenzen ziehen" vorgehen. Am Freitag seien jedoch jede Stunde neue Vorwürfe gegen Schatz und die Zustände an Bord eingegangen, so dass er sich noch am selben Abend gezwungen sah, "auch zum Schutz des Kommandanten" diesen vorerst mit anderen Aufgaben zu betrauen. Doch hätte dies nach Einschätzung von Militärs von Anfang an besser mit dieser Begründung kommuniziert werden sollen.

Wie geht es weiter?

Die "Gorch Fock" läuft Ende Februar oder Anfang März in Kiel ein und wird dann im Hafen bleiben. Erst nach eingehender Untersuchung der Geschehnisse im November ("Meuterei") und tiefem Nachdenken über die künftige Form der Offizierausbildung soll entschieden werden, ob die Marine die "Gorch Fock" behält. Hohe Bundeswehr-Kreise gehen davon aus, dass selbst bei einer Beibehaltung der Tradition in vielleicht modifizierter Form die nächste Ausbildungsfahrt nicht mehr 2011 startet. An der Küste wird bereits über einen neuen Touristenmagneten spekuliert. may-/mic

(RP)
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